Verfassungsgerichtshof (VfGH)

Rechtssatz für G31/2013 ua, V20/2013 ua

Entscheidungsart

Erkenntnis

Dokumenttyp

Rechtssatz

Sammlungsnummer

19751

Geschäftszahl

G31/2013 ua, V20/2013 ua

Entscheidungsdatum

11.06.2013

Index

27/01 Rechtsanwälte

Norm

B-VG Art7 Abs1 / Gesetz
B-VG Art18 Abs2
B-VG Art120a, Art120b, Art120c
B-VG Art139 Abs1 / Präjudizialität
B-VG Art140 Abs7 zweiter Satz
RAO §24 Abs3, §27 Abs1
UmlagenO 2011 der Rechtsanwaltskammer Wien Abschnitt "A. II. RECHTSANWALTSANWÄRTER"
BeitragsO 2011 der Rechtsanwaltskammer Wien §1 Abschnitt "B. RECHTSANWALTSANWÄRTER", §3, §4
GO der Rechtsanwaltskammer Wien und deren Ausschuss 2008 §5 Abs3, §9 Abs1
  1. B-VG Art. 7 heute
  2. B-VG Art. 7 gültig ab 01.08.2013 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 114/2013
  3. B-VG Art. 7 gültig von 01.01.2004 bis 31.07.2013 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 100/2003
  4. B-VG Art. 7 gültig von 16.05.1998 bis 31.12.2003 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 68/1998
  5. B-VG Art. 7 gültig von 14.08.1997 bis 15.05.1998 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 87/1997
  6. B-VG Art. 7 gültig von 01.07.1988 bis 13.08.1997 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 341/1988
  7. B-VG Art. 7 gültig von 01.01.1975 bis 30.06.1988 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 444/1974
  8. B-VG Art. 7 gültig von 19.12.1945 bis 31.12.1974 zuletzt geändert durch StGBl. Nr. 4/1945
  9. B-VG Art. 7 gültig von 03.01.1930 bis 30.06.1934
  1. B-VG Art. 18 heute
  2. B-VG Art. 18 gültig ab 01.07.2012 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 51/2012
  3. B-VG Art. 18 gültig von 01.01.2004 bis 30.06.2012 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 100/2003
  4. B-VG Art. 18 gültig von 01.01.2002 bis 31.12.2003 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 121/2001
  5. B-VG Art. 18 gültig von 01.01.1999 bis 31.12.2001 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 121/2001
  6. B-VG Art. 18 gültig von 01.01.1999 bis 31.12.1996 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 8/1999
  7. B-VG Art. 18 gültig von 01.01.1997 bis 31.12.1998 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 121/2001
  8. B-VG Art. 18 gültig von 19.12.1945 bis 31.12.1996 zuletzt geändert durch StGBl. Nr. 4/1945
  9. B-VG Art. 18 gültig von 03.01.1930 bis 30.06.1934
  1. B-VG Art. 120a heute
  2. B-VG Art. 120a gültig ab 01.01.2008 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 2/2008
  1. B-VG Art. 139 heute
  2. B-VG Art. 139 gültig ab 01.01.2015 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 114/2013
  3. B-VG Art. 139 gültig von 01.01.2014 bis 31.12.2014 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 51/2012
  4. B-VG Art. 139 gültig von 01.01.2004 bis 31.12.2013 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 100/2003
  5. B-VG Art. 139 gültig von 30.11.1996 bis 31.12.2003 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 659/1996
  6. B-VG Art. 139 gültig von 01.01.1991 bis 29.11.1996 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 685/1988
  7. B-VG Art. 139 gültig von 01.07.1976 bis 31.12.1990 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 302/1975
  8. B-VG Art. 139 gültig von 21.07.1962 bis 30.06.1976 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 205/1962
  9. B-VG Art. 139 gültig von 19.12.1945 bis 20.07.1962 zuletzt geändert durch StGBl. Nr. 4/1945
  10. B-VG Art. 139 gültig von 03.01.1930 bis 30.06.1934
  1. B-VG Art. 140 heute
  2. B-VG Art. 140 gültig ab 01.01.2015 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 114/2013
  3. B-VG Art. 140 gültig von 01.01.2014 bis 31.12.2014 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 51/2012
  4. B-VG Art. 140 gültig von 01.07.2008 bis 31.12.2013 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 2/2008
  5. B-VG Art. 140 gültig von 01.01.2004 bis 30.06.2008 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 100/2003
  6. B-VG Art. 140 gültig von 06.06.1992 bis 31.12.2003 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 276/1992
  7. B-VG Art. 140 gültig von 01.01.1991 bis 05.06.1992 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 685/1988
  8. B-VG Art. 140 gültig von 01.07.1988 bis 31.12.1990 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 341/1988
  9. B-VG Art. 140 gültig von 01.07.1976 bis 30.06.1988 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 302/1975
  10. B-VG Art. 140 gültig von 19.12.1945 bis 30.06.1976 zuletzt geändert durch StGBl. Nr. 4/1945
  11. B-VG Art. 140 gültig von 03.01.1930 bis 30.06.1934
  1. RAO § 24 heute
  2. RAO § 24 gültig ab 01.08.2026 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 63/2026
  3. RAO § 24 gültig von 01.07.2023 bis 31.07.2026 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 71/2022
  4. RAO § 24 gültig von 01.01.2023 bis 30.06.2022 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 58/2020
  5. RAO § 24 gültig von 01.07.2022 bis 30.06.2023 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 71/2022
  6. RAO § 24 gültig von 03.07.2020 bis 30.06.2022 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 58/2020
  7. RAO § 24 gültig von 01.04.2020 bis 02.07.2020 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 19/2020
  8. RAO § 24 gültig von 01.07.2014 bis 31.03.2020 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 40/2014
  9. RAO § 24 gültig von 01.07.2014 bis 30.06.2014 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 133/2013
  10. RAO § 24 gültig von 01.01.2010 bis 30.06.2014 zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 141/2009
  11. RAO § 24 gültig von 01.01.1991 bis 31.12.2009 zuletzt geändert durch BGBl. Nr. 474/1990

Leitsatz

Verfassungswidrigkeit der nach der RAO für alle Entscheidungsgegenstände in der Plenarversammlung der Rechtsanwaltskammermitglieder geltenden unterschiedlichen Gewichtung der Stimmen von Rechtsanwälten und Rechtsanwaltsanwärtern wegen Verstoßes gegen das Sachlichkeitsgebot und das demokratische Prinzip; Feststellung der Gesetzwidrigkeit von Bestimmungen der Umlagenordnung 2011, der Beitragsordnung 2011 und der Geschäftsordnung 2008 der Rechtsanwaltskammer Wien betreffend Rechtsanwaltsanwärter

Rechtssatz

Aufhebung der Wortfolge "; Entsprechendes gilt bei einer im Rahmen einer Plenarversammlung vorgenommenen Abstimmung" in §24 Abs3 letzter Satz RAO in der Fassung Bundesgesetzblatt Teil eins, 141 aus 2009,.

Feststellung der Gesetzwidrigkeit des Abschnitts "A. römisch zwei. RECHTSANWALTSANWÄRTER" der Umlagenordnung 2011 der Rechtsanwaltskammer Wien, des Abschnitts " B. RECHTSANWALTSANWÄRTER" in §1 sowie §3 Z2 und der Wortfolge "und der Beitrag für Rechtsanwaltsanwärter gemäß §1 B. P. 1 lita)" in §4 Z2 der Beitragsordnung 2011 der Rechtsanwaltskammer Wien sowie des §5 Abs3 und §9 Abs1 zweiter Satz der Geschäftsordnung der Rechtsanwaltskammer Wien und deren Ausschuss 2008 (GO-RAK 2008).

Präjudizialität auch der in Prüfung gezogenen Bestimmungen der GO-RAK 2008.

Dass einzelne Bestimmungen der GO-RAK 2008 - wie zB §5 Abs3 und §9 Abs1 zweiter Satz GO-RAK 2008 - bei der Abstimmung über die UmlagenO und die BeitragsO (bereits in Berücksichtigung der Änderungen der RAO durch das Berufsrechts-ÄnderungsG 2010 - BRÄG 2010, Bundesgesetzblatt Teil eins, 111 aus 2010,) nicht mehr tatsächlich angewendet worden wären, ändert nichts an der Präjudizialität der GO-RAK 2008 insgesamt und somit auch der in Prüfung gezogenen §5 Abs3 und §9 Abs1 zweiter Satz GO-RAK 2008. Es sind nämlich auch Vorschriften präjudiziell, die rechtmäßiger Weise anzuwenden gewesen wären.

Der VfGH hat keine verfassungsrechtlichen Bedenken, dass nach der RAO alle Gruppen von Rechtsanwälten und Rechtsanwaltsanwärtern als Mitglieder der Rechtsanwaltskammer erfasst werden. Eine unterschiedliche Gewichtung der Stimmen und somit ein qualifiziertes Stimm- und Mitspracherecht bei Abstimmungen in der Plenarversammlung ist im Rahmen des (weiten) rechtspolitischen Gestaltungsspielraums des Gesetzgebers in der Organisation der nichtterritorialen Selbstverwaltung zulässig, wenn die unterschiedliche Gewichtung auf Unterschieden im Tatsächlichen beruht, die mit der jeweiligen Angelegenheit zusammenhängen, und dem aus dem Gleichheitssatz erwachsenden Sachlichkeitsgebot genügt sowie mit dem sich aus Art120a und Art120c B-VG ergebenden demokratischen Prinzip vereinbar ist.

Nach Auffassung des VfGH gibt es jedoch nicht hinsichtlich sämtlicher der Plenarversammlung in §27 Abs1 RAO zugewiesenen Entscheidungsgegenstände eine sachliche Rechtfertigung (zB aufgrund höherer Verantwortung, größerer Befugnisse der Rechtsanwälte oder unterschiedlicher fachlicher Qualifikation) für die unterschiedliche Gewichtung der Stimmen von Rechtsanwälten und Rechtsanwaltsanwärtern. Gerade bei den unmittelbar die Rechtsanwaltsanwärter betreffenden Regelungen der UmlagenO (über die gemeinsame Versorgungseinrichtung) und der BeitragsO (etwa über den Beitrag der Rechtsanwaltsanwärter zur Prämie für die Unfallversicherung) ist keine sachliche Rechtfertigung für die unterschiedliche Stimmgewichtung für Rechtsanwälte und Rechtsanwaltsanwärter zu finden.

Die für alle Entscheidungsgegenstände in der Plenarversammlung geltende unterschiedliche Gewichtung der Stimmen von Rechtsanwälten und Rechtsanwaltsanwärtern in §24 Abs3 letzter Satz RAO ist somit verfassungswidrig, weil die dem demokratischen Prinzip innewohnende grundsätzliche Gleichheit der Stimme unterschiedslos durchbrochen wird, ohne dass hierfür ein entsprechend sachlicher Grund besteht. Dem Gesetzgeber stehen - soweit es sachlich ist - andere Möglichkeiten offen, unterschiedliche Interessenlagen der einzelnen in der (Rechtsanwalts-)Kammer versammelten Mitglieder zu berücksichtigen (beispielsweise durch ein Vetorecht).

Die Abstimmung über die Beschlussfassung der UmlagenO und der BeitragsO erfolgte in der Plenarversammlung der Rechtsanwaltskammer Wien am 29.04.2010 aufgrund des §24 Abs3 letzter Satz RAO. Bei der Prüfung, ob die BeitragsO bzw die UmlagenO gesetzmäßig zustande gekommen ist, war die Wortfolge "; Entsprechendes gilt bei einer im Rahmen einer Plenarversammlung vorgenommenen Abstimmung" in §24 Abs3 letzter Satz RAO anzuwenden. Da somit die genannte Wortfolge Erzeugungsbedingung für die BeitragsO und die UmlagenO war, erweisen sich die in Prüfung gezogenen Bestimmungen der UmlagenO und der BeitragsO als gesetzwidrig.

Da es sich bei den Rechtsanwaltsanwärtern seit 01.01.2010 um Mitglieder der Rechtsanwaltskammer vergleiche §22 Abs1 RAO in der Fassung Bundesgesetzblatt Teil eins, 141 aus 2009,) handelt und §24 Abs3 RAO den Rechtsanwaltsanwärtern für Abstimmungen über jegliche Beschlussgegenstände durchgängig ein gewichtetes Stimmrecht einräumt, ist §5 Abs3 GO-RAK 2008, wonach Rechtsanwaltsanwärter berechtigt sind, ohne Stimmrecht an den Plenarversammlungen teilzunehmen, gesetzwidrig.

Gemäß §9 Abs1 zweiter Satz GO-RAK 2008 ist zur Gültigkeit eines Beschlusses (in der Plenarversammlung) die Stimmabgabe durch mindestens zwei Fünftel der Anwesenden notwendig. Diese Bestimmung verstößt gegen §27 Abs4 erster Satz RAO, wonach die Plenarversammlung, die ihre Beschlüsse mit einfacher Mehrheit fasst, beschlussfähig ist, wenn mindestens ein Zehntel der Kammermitglieder an der Abstimmung teilnimmt. §9 Abs1 zweiter Satz GO-RAK 2008 verstößt daher gegen das Gesetz und ist somit nicht "im Rahmen der Gesetze" (Art120b Abs1 B-VG) ergangen.

Ausdehnung der Anlassfallwirkung auf die am 11.06.2013, dem Tag des Beginns der Beratung über das Erkenntnis, beim VfGH anhängigen Verfahren, bei denen Verordnungen präjudiziell sind, die unter Anwendung der Wortfolge "; Entsprechendes gilt bei einer im Rahmen einer Plenarversammlung vorgenommenen Abstimmung" in §24 Abs3 letzter Satz RAO erzeugt wurden.

(Anlassfälle B1021/2011, B1035/2011 und B1188/2011, alle E v 11.06.2013, Aufhebung der angefochtenen Bescheide; Quasi-Anlassfälle B915/2011 und B964/2011, beide E v 26.06.2013).

Entscheidungstexte

Schlagworte

Rechtsanwälte, Rechtsanwaltskammer, Beiträge, demokratisches Grundprinzip, Selbstverwaltung, Verordnungserlassung, VfGH / Präjudizialität, VfGH / Anlassverfahren

European Case Law Identifier (ECLI)

ECLI:AT:VFGH:2013:G31.2013

Zuletzt aktualisiert am

08.08.2014

Dokumentnummer

JFR_20130611_13G00031_01