Justiz (OGH, OLG, LG, BG, OPMS, AUSL)

Rechtssatz für Bsw26400/95 Bsw23218/94...

Gericht

AUSL EKMR, AUSL EGMR

Dokumenttyp

Rechtssatz

Rechtssatznummer

RS0124861

Geschäftszahl

Bsw26400/95; Bsw23218/94; Bsw31411/96; Bsw26102/95; Bsw34891/97; Bsw44599/98; Bsw54273/00; Bsw50963/99; Bsw56811/00; Bsw37295/97; Bsw36757/97; Bsw53441/99; Bsw52206/99; Bsw48321/99; Bsw42703/98; Bsw60654/00; Bsw46410/99; Bsw32231/02; Bsw50278/99; Bsw51431/99; Bsw50435/99; Bsw50252/99; Bsw13178/03; Bsw38005/07

Entscheidungsdatum

18.10.1995

Norm

MRK Art8

Rechtssatz

Die EMRK beinhaltet kein Recht, das einem Fremden Einreise bzw. dauernden Aufenthalt in einem bestimmten Land oder die Unmöglichkeit einer Ausweisung sichert. Dennoch kann die Ausweisung einer Person aus einem Land, in dem nahe Verwandte dieser Person leben von Art. 8 EMRK erfasst sein (vgl. Urteil, Beldjoudi/F, A/234-A § 67). Die Frage, ob nun ein Familienleben besteht ist eine Tatsachenfrage.

Entscheidungstexte

  • Bsw 26400/95
    Entscheidungstext AUSL EKMR 18.10.1995 Bsw 26400/95
    Bem: Öztürk gegen Österreich (T1a); Veröff: NL 1996,23
  • Bsw 23218/94
    Entscheidungstext AUSL EGMR 19.02.1996 Bsw 23218/94
    nur: Die EMRK beinhaltet kein Recht, das einem Fremden Einreise bzw. dauernden Aufenthalt in einem bestimmten Land oder die Unmöglichkeit einer Ausweisung sichert. (T1); Veröff: NL 1996,41
  • Bsw 31411/96
    Entscheidungstext AUSL EKMR 04.09.1996 Bsw 31411/96
    nur T1; nur: Dennoch kann die Ausweisung einer Person aus einem Land, in dem nahe Verwandte dieser Person leben von Art. 8 EMRK erfasst sein (vgl. Urteil, Beldjoudi/F, A/234-A § 67). (T2); Veröff: NL 1996,128
  • Bsw 26102/95
    Entscheidungstext AUSL EGMR 19.02.1998 Bsw 26102/95
    Vgl auch; Veröff: NL 1998,57
  • Bsw 34891/97
    Entscheidungstext AUSL EGMR 09.11.1999 Bsw 34891/97
    Vgl; Veröff: NL 2000,7
  • Bsw 44599/98
    Entscheidungstext AUSL EGMR 06.02.2001 Bsw 44599/98
    Vgl; Veröff: NL 2001,26
  • Bsw 54273/00
    Entscheidungstext AUSL EGMR 02.08.2001 Bsw 54273/00
    Vgl; Veröff: NL 2001,159
  • Bsw 50963/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 20.06.2002 Bsw 50963/99
    nur T1; nur T2; Veröff: NL 2002,108
  • Bsw 56811/00
    Entscheidungstext AUSL EGMR 11.07.2002 Bsw 56811/00
    Vgl auch; Veröff: NL 2002,143
  • Bsw 37295/97
    Entscheidungstext AUSL EGMR 31.10.2002 Bsw 37295/97
    Vgl auch; Veröff: NL 2002,251
  • Bsw 36757/97
    Entscheidungstext AUSL EGMR 06.02.2003 Bsw 36757/97
    Veröff: NL 2003,25
  • Bsw 53441/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 10.07.2003 Bsw 53441/99
    Veröff: NL 2003,201
  • Bsw 52206/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 15.07.2003 Bsw 52206/99
    Veröff: NL 2003,209
  • Bsw 48321/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 09.10.2003 Bsw 48321/99
    Vgl; Veröff: NL 2003,263
  • Bsw 42703/98
    Entscheidungstext AUSL EGMR 22.04.2004 Bsw 42703/98
    Veröff: NL 2004,87
  • Bsw 60654/00
    Entscheidungstext AUSL EGMR 16.06.2005 Bsw 60654/00
    Veröff: NL 2005,138
  • Bsw 46410/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 05.07.2005 Bsw 46410/99
    Veröff: NL 2005,185
  • Bsw 32231/02
    Entscheidungstext AUSL EGMR 27.10.2005 Bsw 32231/02
    Veröff: NL 2005,248
  • Bsw 50278/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 17.01.2006 Bsw 50278/99
    Vgl auch; Veröff: NL 2006,15
  • Bsw 51431/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 17.01.2006 Bsw 51431/99
    teilweise abweichend; nur T1; Veröff: NL 2006,18
  • Bsw 50435/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 31.01.2006 Bsw 50435/99
    Veröff: NL 2006,26
  • Bsw 50252/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 31.01.2006 Bsw 50252/99
    Veröff: NL 2006,28
  • Bsw 13178/03
    Entscheidungstext AUSL EGMR 12.10.2006 Bsw 13178/03
    nur T1; Veröff: NL 2006,244
  • Bsw 38005/07
    Entscheidungstext AUSL EGMR 15.11.2012 Bsw 38005/07
    Auch; Veröff: NL 2012,377

European Case Law Identifier (ECLI)

ECLI:AT:AUSL000:1995:RS0124861

Im RIS seit

15.06.1997

Zuletzt aktualisiert am

11.03.2015

Dokumentnummer

JJR_19951018_AUSL000_000BSW26400_9500000_001

Rechtssatz für Bsw22070/93 Bsw50435/99...

Gericht

AUSL EGMR

Dokumenttyp

Rechtssatz

Rechtssatznummer

RS0124877

Geschäftszahl

Bsw22070/93; Bsw50435/99; Bsw10606/07; Bsw23338/09 (Bsw45071/09)

Entscheidungsdatum

24.04.1996

Norm

MRK Art8 II2

Rechtssatz

Der Begriff Familienleben umfasst auch dann die Beziehung zwischen dem Vater und seinem unehelichen Kind, wenn er nicht mehr mit der Mutter des Kindes zusammenlebt (vgl. Urteile Berrehab/NL, A/138 § 21; Gül/CH, § 32 = NL 96/2/03).

Entscheidungstexte

  • Bsw 22070/93
    Entscheidungstext AUSL EGMR 24.04.1996 Bsw 22070/93
    Bem: Boughanemi gegen Frankreich (T1)
    Veröff: NL 1996,85
  • Bsw 50435/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 31.01.2006 Bsw 50435/99
    Vgl auch; Veröff: NL 2006,26
  • Bsw 10606/07
    Entscheidungstext AUSL EGMR 08.01.2009 Bsw 10606/07
    Vgl auch; Veröff: NL 2009,15
  • Bsw 23338/09
    Entscheidungstext AUSL EGMR 22.03.2012 Bsw 23338/09
    Vgl auch: Veröff: NL 2012,88

European Case Law Identifier (ECLI)

ECLI:AT:AUSL000:1996:RS0124877

Im RIS seit

15.06.1997

Zuletzt aktualisiert am

12.11.2014

Dokumentnummer

JJR_19960424_AUSL000_000BSW22070_9300000_001

Rechtssatz für Bsw25918/94 Bsw27647/95...

Gericht

AUSL EKMR, AUSL EGMR

Dokumenttyp

Rechtssatz

Rechtssatznummer

RS0124883

Geschäftszahl

Bsw25918/94; Bsw27647/95; Bsw37295/97; Bsw30943/96; Bsw60457/00; Bsw74969/01; Bsw50435/99; Bsw50252/99; Bsw21949/03; Bsw22028/04; Bsw4023/04; Bsw25762/07; Bsw23338/09 (Bsw45071/09); Bsw9929/12

Entscheidungsdatum

15.05.1996

Norm

MRK Art8 Abs2 I2

Rechtssatz

Bei der Beurteilung, ob ein Eingriff in das Familienleben in einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist, steht der Reg. ein gewisser Ermessensspielraum zu (vgl. Urteile Berrehab/NL, A/138 § 28 bzw. Funke/F, A/256-A § 55).

Entscheidungstexte

  • Bsw 25918/94
    Entscheidungstext AUSL EKMR 15.05.1996 Bsw 25918/94
    Veröff: NL 1996,104
  • Bsw 27647/95
    Entscheidungstext AUSL EKMR 15.01.1997 Bsw 27647/95
    Bem: vgl Urteil Nasri/F, § 41. (T1); Veröff: NL 1997,9
  • Bsw 37295/97
    Entscheidungstext AUSL EGMR 31.10.2002 Bsw 37295/97
    Veröff: NL 2002,251
  • Bsw 30943/96
    Entscheidungstext AUSL EGMR 08.07.2003 Bsw 30943/96
    Vgl auch; Beisatz: Der den Behörden zukommende Ermessensspielraum variiert je nach Art der jeweiligen Angelegenheit und der Wichtigkeit der auf dem Spiel stehenden Interessen. Die Behörden genießen daher in Sorgerechtsangelegenheiten einen weiten Ermessensspielraum. Hingegen ist ein strengerer Maßstab bei allen weiter gehenden Einschränkungen, wie bei Beschränkungen von elterlichen Umgangsrechten und bei jeglichen gesetzlichen Vorkehrungen, die einen wirksamen Schutz der Rechte von Kindern und Eltern auf Achtung ihres Familienlebens gewährleisten sollen, anzulegen. Solche weiteren Einschränkungen bergen die Gefahr, dass familiäre Beziehungen zwischen den Eltern und jungen Kindern endgültig abgeschnitten werden. (T2)
    Veröff: NL 2003,196
  • Bsw 60457/00
    Entscheidungstext AUSL EGMR 05.02.2004 Bsw 60457/00
    Vgl auch; Vgl Beis wie T2; Veröff: NL 2004,18
  • Bsw 74969/01
    Entscheidungstext AUSL EGMR 26.02.2004 Bsw 74969/01
    Vgl auch; Vgl Beis wie T2; Veröff: NL 2004,32
  • Bsw 50435/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 31.01.2006 Bsw 50435/99
    Vgl aber; Veröff: NL 2006,26
  • Bsw 50252/99
    Entscheidungstext AUSL EGMR 31.01.2006 Bsw 50252/99
    Vgl auch; Veröff: NL 2006,28
  • Bsw 21949/03
    Entscheidungstext AUSL EGMR 25.01.2007 Bsw 21949/03
    Beis wie T2 nur: Der den Behörden zukommende Ermessensspielraum variiert je nach Art der jeweiligen Angelegenheit und der Wichtigkeit der auf dem Spiel stehenden Interessen. Die Behörden genießen daher in Sorgerechtsangelegenheiten einen weiten Ermessensspielraum. Hingegen ist ein strengerer Maßstab bei allen weiter gehenden Einschränkungen, wie bei Beschränkungen von elterlichen Umgangsrechten und bei jeglichen gesetzlichen Vorkehrungen, die einen wirksamen Schutz der Rechte von Kindern und Eltern auf Achtung ihres Familienlebens gewährleisten sollen, anzulegen. (T3); Beisatz: Bei der Interessensabwägung sind insbesondere die Interessen des Kindes zu berücksichtigen, welche gegebenenfalls den Interessen der Eltern vorgehen. (Eski gegen Österreich) (T4)
    Veröff: NL 2007,21
  • Bsw 22028/04
    Entscheidungstext AUSL EGMR 03.12.2009 Bsw 22028/04
    Beis wie T2 nur: Die Behörden genießen daher in Sorgerechtsangelegenheiten einen weiten Ermessensspielraum. (T5)
    Veröff: NL 2009,348
  • Bsw 4023/04
    Entscheidungstext AUSL EGMR 26.05.2009 Bsw 4023/04
    Auch; Veröff: NL 2009,138
  • Bsw 25762/07
    Entscheidungstext AUSL EGMR 10.06.2010 Bsw 25762/07
    Auch; Beis wie T4; Beisatz: Den Regierungen kommt mit Rücksicht auf die fehlende Übereinstimmung der Konventionsstaaten im Bereich des vorgeschriebenen Altersunterschieds zwischen Adoptivkindern und Adoptiveltern ein weiter Ermessensspielraum zu. (Bem: Schwizgebel gg. die Schweiz) (T6)
    Veröff: NL 2010,179
  • Bsw 23338/09
    Entscheidungstext AUSL EGMR 22.03.2012 Bsw 23338/09
    Beis wie T4; Veröff: NL 2012,88
  • Bsw 9929/12
    Entscheidungstext AUSL EGMR 27.05.2014 Bsw 9929/12
    Auch; Beis wie T5; Veröff: NL 2014,233

European Case Law Identifier (ECLI)

ECLI:AT:AUSL000:1996:RS0124883

Im RIS seit

15.06.1997

Zuletzt aktualisiert am

19.12.2016

Dokumentnummer

JJR_19960515_AUSL000_000BSW25918_9400000_001

Entscheidungstext Bsw50435/99

Gericht

AUSL EGMR

Dokumenttyp

Entscheidungstext

Geschäftszahl

Bsw50435/99

Entscheidungsdatum

31.01.2006

Kopf

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Kammer II, Beschwerdesache Rodrigues da Silva und Hoogkamer gegen die Niederlande, Urteil vom 31.1.2006, Bsw. 50435/99.

Spruch

Art. 8 EMRK - Anspruch auf Erteilung eines Aufenthaltstitels. Verletzung von Art. 8 EMRK (einstimmig).

Entschädigung nach Art. 41 EMRK: Die Feststellung einer Verletzung stellt für sich eine ausreichende gerechte Entschädigung für den behaupteten immateriellen Schaden dar. € 145,30 für Kosten und Auslagen (einstimmig).

Text

Begründung:

Sachverhalt:

Die vorliegende Beschwerde wurde von einer Staatsangehörigen Brasiliens und ihrer Tochter erhoben, die vor dem GH von ihrem Vater vertreten wird.

Die ErstBf. kam 1994 in die Niederlande, wo sie mit Herrn Hoogkamer, einem niederländischen Staatsbürger, zusammenlebte. Eine Aufenthaltsgenehmigung beantragte sie nicht. Ihre beiden 1990 bzw. 1992 geborenen Söhne ließ sie vorerst bei ihren Eltern in Brasilien zurück, im April 1995 holte sie den jüngeren der beiden zu sich. Am 3.2.1996 wurde Rachael, die Tochter der ErstBf. und Herrn Hoogkamers, geboren. Nach der Anerkennung durch ihren Vater erhielt sie die niederländische Staatsbürgerschaft.

Im Jänner 1997 trennten sich die ErstBf. und Herr Hoogkamer. Rachael blieb bei ihrem Vater, dem am 20.2.1997 von einem Einzelrichter (kantonrechter) die Obsorge zugesprochen wurde. Aufgrund der Anfechtung dieser Entscheidung durch die ErstBf. ersuchte das für die Rechtsmittelentscheidung zuständige Bezirksgericht (arrondissementsrechtbank) Amsterdam das Jugendamt (Raad voor de Kinderbescherming) um eine Stellungnahme.

In der Zwischenzeit beantragte die ErstBf. eine Aufenthaltsgenehmigung.

Das Jugendamt vertrat die Ansicht, die Obsorge sollte beim Vater bleiben, da die ErstBf. wahrscheinlich nach Brasilien zurückkehren müsse, was zu einem Abbruch der Beziehungen Rachaels zu ihrem Vater und dessen Eltern führen würde. Entgegen dieser Empfehlung räumte das Bezirksgericht Amsterdam am 26.11.1997 der ErstBf. die Obsorge für ihre Tochter ein. Dagegen erhob Herr Hoogkamer ein Rechtsmittel an das Kassationsgericht (Hoge Raad).

Der Antrag der ErstBf. auf Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung wurde am 12.1.1998 vom Staatssekretär für Justiz (Staatssecretaris van Justitie) abgewiesen. Auch der dagegen erhobene Einspruch wurde am 12.6.1998 vom Staatssekretär mit der Begründung abgewiesen, das öffentliche Interesse am wirtschaftlichen Wohl des Landes würde gegenüber dem Interesse der ErstBf. an einem gemeinsamen Familienleben mit ihrer Tochter in den Niederlanden überwiegen. Die ErstBf. erhob ein Rechtsmittel gegen diese Entscheidung. Die Sorgerechtsentscheidung des Bezirksgerichts Amsterdam wurde am 30.10.1998 vom Obersten Gerichtshof aufgehoben und die Sache zur neuerlichen Verhandlung an den Gerechtshof Amsterdam verwiesen. Das Rechtsmittel gegen die Abweisung des Antrags auf eine Aufenthaltsgenehmigung wurde am 12.2.1999 vom Bezirksgericht Den Haag abgewiesen. Das Gericht hielt fest, dass sich aus Art. 8 EMRK keine Verpflichtung ableite sicherzustellen, dass die Eltern der ZweitBf. nicht vor die Wahl gestellt würden, Rachael bei ihrem Vater in den Niederlanden zu lassen oder sie mit ihrer Mutter nach Brasilien gehen zu lassen. Die Folgen für das Kind seien die Konsequenz der Entscheidung der Eltern, zu einem Zeitpunkt ein Kind zu zeugen, zu dem die ErstBf. nicht zum Aufenthalt in den Niederlanden berechtigt war.

Im Sorgerechtsverfahren bestätigte der Gerechtshof Amsterdam am 28.6.1999 die Entscheidung vom 20.2.1997, mit der dem Vater der ZweitBf. die Obsorge eingeräumt worden war. Ein dagegen von der ErstBf. erhobenes Rechtsmittel an den Obersten Gerichtshof blieb erfolglos.

Obwohl die ZweitBf. im Juli 1999 von der Polizei aufgefordert wurde, die Niederlande zu verlassen, lebt sie weiterhin in Amsterdam. Rachael verbringt die Wochenenden bei ihr. Seit Februar 2002 lebt auch ihr zweiter Sohn bei ihr. Ein Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung wurde im April 2002 abgewiesen.

Rechtliche Beurteilung

Rechtsausführungen:

Die Bf. behaupten eine Verletzung von Art. 8 EMRK (Recht auf Achtung des Familienlebens).

Zur behaupteten Verletzung von Art. 8 EMRK:

Die Bf. bringen vor, die Verweigerung einer Aufenthaltsgenehmigung für die ErstBf. verletze ihr Recht auf Achtung des Familienlebens. Die Aufnahme eines gemeinsamen Familienlebens in Brasilien wäre nicht möglich, da sich der obsorgeberechtigte Vater Rachaels immer gegen eine Übersiedlung seiner Tochter nach Brasilien ausgesprochen habe. Es besteht kein Zweifel am Vorliegen von Familienleben iSv. Art. 8 EMRK zwischen der ErstBf. und ihrer Tochter, der ZweitBf. Der vorliegende Fall betrifft die Weigerung der Behörden, der ErstBf. den Aufenthalt in den Niederlanden zu gestatten. Obwohl sie sich seit 1994 in diesem Land aufhält, war ihr Aufenthalt nie rechtmäßig. Die Frage, die es zu untersuchen gilt ist daher, ob die Behörden verpflichtet waren, der ErstBf. die Niederlassung in den Niederlanden zu gestatten und den Bf. damit die Entwicklung von Familienleben in ihrem Territorium zu ermöglichen. Der Fall betrifft somit ein behauptetes Versäumnis des belangten Staates, einer positiven Verpflichtung nachzukommen.

Die ErstBf. zog 1994 im Alter von 22 Jahren in die Niederlande. Auch wenn sie inzwischen seit längerem in diesem Land lebt, muss sie doch noch Beziehungen zu Brasilien haben. Jedoch müsste sie im Falle ihrer Rückkehr nach Brasilien ihre Tochter Rachael in den Niederlanden zurücklassen. Zum Zeitpunkt der endgültigen Entscheidung über die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung hatte sie kein Sorgerecht mehr für Rachael. Da die Obsorge deren Vater zugesprochen wurde, kann die ErstBf. ihre Tochter nicht ohne dessen Zustimmung mit sich nehmen. Dass der Vater diese nicht erteilen wird, steht außer Streit. Rachael wurde von klein auf von der ErstBf. und den Eltern ihres Vaters erzogen, der selbst eine eher untergeordnete Rolle für sie spielte. Sie verbringt drei oder vier Tage der Woche bei ihrer Mutter, zu der sie eine sehr enge Beziehung hat. Die Verweigerung einer Aufenthaltsgenehmigung und die Ausweisung der ErstBf. nach Brasilien würde zu einem Abbruch dieser Beziehung führen, da es den beiden unmöglich wäre, regelmäßigen Kontakt aufrecht zu erhalten. Dies wäre eine sehr ernste Beeinträchtigung, da es für die zum Zeitpunkt der rechtskräftigen Entscheidung erst drei Jahre alte Rachael notwendig war, in Kontakt zu ihrer Mutter zu bleiben. Die ErstBf. wurde nie wegen einer Straftat verurteilt, hat jedoch während der ersten drei Jahre ihres Aufenthalts in den Niederlanden nicht versucht, diesen zu legalisieren. Der GH erinnert daran, dass Personen, die ohne den geltenden Gesetzen zu entsprechen die Behörden eines Vertragsstaats mit ihrer Anwesenheit in diesem Staat konfrontieren, im Allgemeinen nicht erwarten können, dass ihnen ein Aufenthaltsrecht zugesprochen wird. Der GH misst jedoch der Tatsache Bedeutung zu, dass ein rechtmäßiger Aufenthalt in den Niederlanden aufgrund der Beziehung zwischen der ErstBf. und dem Vater ihrer Tochter einem niederländischen Staatsbürger möglich gewesen wäre. Auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass die lockere Einstellung der ErstBf. gegenüber dem niederländischen Fremdenrecht einen ernsten Tadel rechtfertigt, muss der vorliegende Fall von anderen unterschieden werden, in denen der GH festgestellt hat, dass die betroffenen Personen zu keinem Zeitpunkt berechtigterweise erwarten konnten, ein Familienleben in dem Gaststaat fortsetzen zu können. Angesichts der weit reichenden Folgen, die eine Ausweisung für die Verantwortung der ErstBf. als Mutter und für ihr Familienleben mit ihrer jungen Tochter haben würde und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der weitere Verbleib der ErstBf. in den Niederlanden eindeutig im Interesse ihrer Tochter geboten ist, gelangt der GH zu dem Ergebnis, dass unter den besonderen Umständen des Falles das wirtschaftliche Wohl des Landes, obwohl sich die ErstBf. zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Tochter unrechtmäßig in den Niederlanden aufhielt, nicht gegenüber den durch Art. 8 EMRK geschützten Rechten der Bf. überwiegt.

Da kein gerechter Ausgleich zwischen den auf dem Spiel stehenden Interessen getroffen wurde, liegt eine Verletzung von Art. 8 EMRK vor (einstimmig).

Entschädigung nach Art. 41 EMRK:

Die Feststellung einer Verletzung stellt für sich eine ausreichende

gerechte Entschädigung für den behaupteten immateriellen Schaden dar.

€ 145,30 für Kosten und Auslagen (einstimmig).

Vom GH zitierte Judikatur:

Berrehab/NL v. 21.6.1988, A/138, EuGRZ 1993, 547; ÖJZ 1989, 220.

Gül/CH v. 19.2.1996, NL 1996, 41; ÖJZ 1996, 593.

Ahmut/NL v. 28.11.1996, NL 1996, 171; ÖJZ 1997, 676.

Ciliz/NL v. 11.7.2000, NL 2000, 141.

Sen/NL v. 21.12.2001, NL 2002, 11.

Hinweis:

Das vorliegende Dokument über das Urteil des EGMR vom 31.1.2006, Bsw. 50435/99, entstammt der Zeitschrift Newsletter Menschenrechte" (NL 2006, 26) bzw. der entsprechenden Datenbank des Österreichischen Institutes für Menschenrechte, Salzburg, und wurde von diesem dem OGH zur Aufnahme in die Entscheidungsdokumentation Justiz im RIS zur Verfügung gestellt.

Das Urteil im englischen Originalwortlaut (pdf-Format):

www.menschenrechte.ac.at/orig/06_1/Rodrigues.pdf

Das Original des Urteils ist auch auf der Website des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (www.echr.coe.int/hudoc) abrufbar.

Anmerkung

EGM00622 Bsw50435.99-U

Dokumentnummer

JJT_20060131_AUSL000_000BSW50435_9900000_000