Gericht

OGH

Rechtssatznummer

RS0124740

Entscheidungsdatum

16.04.2009

Geschäftszahl

13Os16/09s; 15Os15/11m (15Os16/11h, 15Os17/11f); 15Os39/11s (15Os40/11p); 15Os52/10a (15Os187/10d, 15Os188/10a); 15Os75/11k (15Os76/11g); 15Os106/10t (15Os49/11m, 15Os50/11h); 15Os11/12z (15Os85/12g, 15Os86/12d); 12Os16/13i (12Os17/13m, 12Os18/13h, 12Os19/13f, 12Os20/13b); 15Os91/13s (15Os92/13p, 15Os93/13k); 17Os19/14v (17Os20/14s, 17Os21/14p, 17Os22/14k, 17Os23/14g); 15Os75/13p (15Os82/13t, 15Os21/14y, 15Os22/14w); 15Os70/13b (15Os71/13z, 15Os19/14d, 15Os20/14a); 15Os63/13y (15Os8/14m, 15Os9/14h); 15Os74/13s (15Os13/14x, 15Os14/14v); 13Os22/14f; 12Os164/14f; 15Os73/15x (15Os74/15v); 13Os36/15s; 15Os154/14g (15Os81/15y; 15Os82/15w); 15Os115/14x; 12Os113/16h; 12Os98/16b; 13Os133/16g (13Os134/16d); 12Os33/17w (12Os34/17t, 12Os35/17i); 13Os37/17s (13Os28/17p); 14Os25/18k; 15Os86/18p (15Os134/18x); 11Os143/19t (11Os144/19i); 15Os42/20w (15Os43/20t, 15Os96/20m, 15Os97/20h)

Norm

MedienG §6; MedienG §7; MedienG §7a; MedienG §7b; MedienG §7c; MedienG §9; MedienG §10; MRK Art6 II1a; MRK Art6 II5c; MRK Art34; 1.ZPMRK Art1 V3; StPO §23; StPO §292; StPO §362 Abs1 Z2; StPO §363a; StPO §366 Abs2 C

Rechtssatz

Die Erneuerungsmöglichkeit (auch ohne vorangegangene EGMR-Entscheidung) bedeutet keine unzulässige Beschränkung des aus dem Recht auf ein faires Verfahren (Art 6 Abs 1 MRK) iVm der Präambel der Konvention abgeleiteten Anspruchs auf Rechtssicherheit, maW auf Respektierung der - nach Maßgabe nur des innerstaatlichen Rechtsschutzsystems zu beurteilenden - Rechtskraft von Entscheidungen durch den Staat selbst. In Strafsachen ist die Aufhebung eines grundrechtswidrigen Schuldspruchs des untergeordneten Strafgerichts zum Vorteil des Angeklagten stets möglich. Wurde hingegen über zivilrechtliche Ansprüche im Strafverfahren entschieden, ist die Zulässigkeit einer Durchbrechung der Rechtskraft grundsätzlich auch unter dem Aspekt einer iSd Art 1 des 1. ZPMRK geschützten Position zu prüfen: Bei untrennbar mit einem Schuldspruch (§ 260 Abs 1 Z 2 StPO) verbundenen Zusprüchen (§ 366 Abs 2 StPO) prävaliert im Strafverfahren der Schutz des Angeklagten; für den Privatbeteiligten allenfalls nachteilige Wirkungen einer Aufhebungsentscheidung wären als Schadenersatzansprüche im Amtshaftungsverfahren geltend zu machen. Wird hingegen ausnahmsweise im Strafverfahren über - vertragsautonom iSd Art 6 MRK betrachtet - zivilrechtliche, nicht akzessorische Ansprüche entschieden (§§ 6 ff, 9 f MedienG), ist die Entscheidung in der Sache, also auch die Aufhebung der Entscheidung des untergeordneten Strafgerichts jedenfalls dann möglich, wenn der Antragsgegner (als zuvor am Verfahren Beteiligter) einen Erneuerungsantrag unter den oben dargestellten strikten Voraussetzungen gestellt hat, gleichviel, ob die Aufhebung in Stattgebung dieses Antrags oder einer aus dessen Anlass erhobenen Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes erfolgt. Lediglich bei einer nicht von einem Antrag nach § 363a StPO begleiteten Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes (oder einem Antrag gemäß § 362 Abs 1 Z 2 StPO) kann von dem Ermessen iSd § 292 letzter Satz StPO nicht Gebrauch gemacht werden, während die Feststellung der zum Nachteil eines Verfahrensbeteiligten sich auswirkenden Gesetzes-(Konventions-)verletzung stets (auch zugunsten des Privatanklägers bzw Antragstellers im vorangegangenen Verfahren) möglich ist, weil durch sie die geschützte Rechtsposition eines anderen Verfahrensbeteiligten - iS etwa eines Verstoßes gegen das Verbot der reformatio in peius - nicht tangiert wird. Diese höchstgerichtliche Feststellung einer Gesetzesverletzung hat im Übrigen Bindungswirkung in einem allfälligen Amtshaftungsverfahren und ist solcherart geeignet, die Opfereigenschaft iSd Art 34 MRK zu beseitigen.

Entscheidungstexte

TE OGH 2009-04-16 13 Os 16/09s

TE OGH 2011-03-16 15 Os 15/11m

Vgl auch

TE OGH 2011-05-04 15 Os 39/11s

Vgl auch; Beisatz: Wenn der Schuldspruch (hier: Offizialdelikt) unverändert bestehen bleibt und die Gesetzesverletzung nur das Adhäsionserkenntnis betrifft, steht einer Zuerkennung konkreter Wirkung nach § 292 Abs 2 letzter Satz StPO Art 1 des 1. ZPMRK entgegen, soweit der Privatbeteiligte auf die Rechtskraft des Zuspruches vertrauen durfte. (T1)

TE OGH 2011-05-04 15 Os 52/10a

Vgl; Beisatz: Hier: Fragen des Kostenersatzes. (T2)

TE OGH 2011-06-29 15 Os 75/11k

nur: Wurde über zivilrechtliche Ansprüche im Strafverfahren entschieden, ist die Zulässigkeit einer Durchbrechung der Rechtskraft grundsätzlich auch unter dem Aspekt einer im Sinn des Art 1 des 1. ZPMRK geschützten Position zu prüfen: Bei untrennbar mit einem Schuldspruch (§ 260 Abs 1 Z 2 StPO) verbundenen Zusprüchen (§ 366 Abs 2 StPO) prävaliert im Strafverfahren der Schutz des Angeklagten. (T3)

Beisatz: Wenn die Gesetzesverletzung nur den Kostenbestimmungsbeschluss betrifft, steht der Zuerkennung konkreter Wirkung nach § 292 Abs 2 letzter Satz StPO Art 1 des 1. ZPMRK entgegen, soweit der Privatankläger auf die Rechtskraft des Zuspruchs vertrauen durfte. (T4)

TE OGH 2011-06-29 15 Os 106/10t

Vgl auch

TE OGH 2012-08-22 15 Os 11/12z

Vgl; Auch Beis wie T1

TE OGH 2013-07-04 12 Os 16/13i

nur T3; Beis wie T4

TE OGH 2013-08-21 15 Os 91/13s

Vgl; nur T3

TE OGH 2014-05-12 17 Os 19/14v

Vgl auch; Beisatz: Zwar ist eine Durchbrechung der Rechtskraft von ‑ ausnahmsweise im Strafverfahren ergangenen ‑ Entscheidungen über (ausschließlich) zivilrechtliche Ansprüche in Stattgebung einer Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes wegen des damit verbundenen Eingriffs in eine durch Art 1 1. ZPMRK geschützte Rechtsposition (und den sich aus Art 6 Abs 1 MRK ergebenden Anspruch auf Rechtssicherheit) in der Regel nicht möglich. Vorliegend kommt aber zum Tragen, dass der Sachverständige seinen Honoraranspruch ‑ ungeachtet dessen Charakters als „civil right“ ‑ unter der Einschränkung einer allfälligen Rückzahlungsverpflichtung gemäß § 42 Abs 3 GebAG erworben hat. Eine solche Verpflichtung besteht nämlich dann, wenn die Gebühr vor Eintritt ihrer rechtskräftigen Bestimmung gezahlt und durch einen nachträglichen Beschluss oder eine Rechtsmittelentscheidung herabgesetzt wurde. (T5)

TE OGH 2014-04-23 15 Os 75/13p

Vgl

TE OGH 2014-03-19 15 Os 70/13b

Vgl

TE OGH 2014-05-27 15 Os 63/13y

Auch

TE OGH 2014-05-27 15 Os 74/13s

Auch

TE OGH 2014-06-05 13 Os 22/14f

Auch; nur T3

TE OGH 2015-01-15 12 Os 164/14f

Auch; nur T3

TE OGH 2015-06-10 15 Os 73/15x

Auch

TE OGH 2015-06-10 13 Os 36/15s

Auch; nur T3; Beis wie T1

TE OGH 2015-08-26 15 Os 154/14g

Vgl

TE OGH 2015-10-07 15 Os 115/14x

Auch

TE OGH 2016-09-22 12 Os 113/16h

Auch; nur T3

TE OGH 2016-09-22 12 Os 98/16b

Auch; nur T3

TE OGH 2017-02-22 13 Os 133/16g

Vgl aber

TE OGH 2017-05-18 12 Os 33/17w

Auch; nur T3

TE OGH 2017-05-17 13 Os 37/17s

Auch

TE OGH 2018-03-06 14 Os 25/18k

Auch; Beis wie T1

TE OGH 2018-12-12 15 Os 86/18p

Auch

TE OGH 2019-12-10 11 Os 143/19t

Vgl; nur T3

TE OGH 2020-10-23 15 Os 42/20w

Vgl

European Case Law Identifier

ECLI:AT:OGH0002:2009:RS0124740