Gericht

BVwG

Entscheidungsdatum

01.08.2018

Geschäftszahl

W251 2143939-1

Spruch

W251 2143939-1/29E

 

IM NAMEN DER REPUBLIK!

 

Das Bundesverwaltungsgericht erkennt durch die Richterin Dr. Angelika SENFT als Einzelrichterin über die Beschwerde von XXXX, geb. XXXX alias XXXX, StA. Afghanistan, vertreten durch RA Dr. Herbert POCHIESER, gegen den Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl vom 13.12.2016, Zl. XXXX, nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung zu Recht:

 

A)

 

Die Beschwerde wird als unbegründet abgewiesen.

 

B)

 

Die Revision ist nicht zulässig.

Text

BEGRÜNDUNG:

 

I. Verfahrensgang:

 

1. Der Beschwerdeführer, ein männlicher Staatsangehöriger Afghanistans, stellte am 05.02.2015 einen Antrag auf internationalen Schutz in Österreich.

 

2. Am 06.02.2015 fand vor einem Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes die niederschriftliche Erstbefragung des Beschwerdeführers statt. Dabei gab der Beschwerdeführer zu seinen Fluchtgründen befragt an, dass er als freiwilliger Helfer für das rote Kreuz gearbeitet habe und deshalb von den Taliban verfolgt und mit dem Tod bedroht worden sei.

 

3. Am 30.08.2016 fand eine Einvernahme des Beschwerdeführers vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (Bundesamt) statt. Zu seinen Fluchtgründen gab er im Wesentlichen an als freiwilliger Helfer beim Roten Kreuz tätig gewesen zu sein. Eines Tages sei ein Polizei-wagen von den Taliban zerstört worden. Er habe mit seinen Kollegen der Hilfsorganisation Erste Hilfe geleistet. Die Taliban hätten deshalb die Mitarbeiter der Organisation mit dem Tode bedroht und er habe einen Drohbrief erhalten, weshalb er Afghanistan verlassen habe.

 

4. Mit dem angefochtenen Bescheid wies das Bundesamt den Antrag des Beschwerdeführers auf internationalen Schutz sowohl bezüglich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten (Spruchpunkt I.) als auch bezüglich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan (Spruchpunkt II.) ab und erteilte dem Beschwerdeführer keinen Aufenthaltstitel aus berücksichtigungswürdigen Gründen. Gegen den Beschwerdeführer wurde eine Rückkehrentscheidung erlassen und festgestellt, dass seine Abschiebung nach Afghanistan zulässig sei (Spruchpunkt III.). Die Frist für die freiwillige Ausreise wurde mit 14 Tagen ab Rechtskraft der Entscheidung festgesetzt (Spruchpunkt IV.).

 

Begründend wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass der Beschwerdeführer seine Fluchtgründe nicht glaubhaft machen konnte und sich auch aus der allgemeinen Lage in Afghanistan nicht ergäbe, dass er einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt sei. Es drohe dem Beschwerdeführer auch keine Gefahr, die die Erteilung eines subsidiären Schutzes rechtfertigen würde. Der Beschwerdeführer sei ein gesunder, arbeitsfähiger Mann, der noch über ein familiäres Unterstützungsnetz in Afghanistan verfüge und somit bei einer Rückkehr nach Afghanistan nicht in eine ausweglose Situation geraten würde. Der Beschwerdeführer verfüge in Österreich zudem über kein schützenswertes Privat- und Familienleben, das einer Rückkehrentscheidung entgegenstehen würde.

 

5. Der Beschwerdeführer erhob gegen den Bescheid fristgerecht Beschwerde und brachte im Wesentlichen vor, dass sich das Bundesamt mit dem konkreten Vorbringen des Beschwerdeführers nicht auseinandergesetzt habe, sondern lediglich Nebensächlichkeiten thematisiert worden seien. Der Beschwerdeführer habe sein Vorbringen hinreichend konkret geschildert und sogar Beweismittel zur Untermauerung seines Vorbringens vorgelegt. Das Bundesamt habe es hingegen unterlassen Recherchen anzustellen. Aufgrund der Hilfstätigkeit des Beschwerdeführers sei er ins Augenmerk der Taliban gefallen, weshalb ihm eine individuelle Verfolgung drohe. Zudem bestehe keine innerstaatliche Fluchtalternative, da die Taliban im ganzen Land aktiv sein würden. Darüber hinaus habe sich das Bundesamt nicht mit dem Privat- und Familienleben des Beschwerdeführers in Österreich ausreichend auseinandergesetzt.

 

6. Mit Stellungnahme vom 28.08.2017 zitierte der Beschwerdeführer Berichte betreffend die Sicherheitslage in Afghanistan. Er brachte vor, dass sich diese keineswegs beruhigt habe und ihm eine Rückkehr nach Afghanistan nicht zumutbar sei. Untereinem legte der Beschwerdeführer Unterlagen betreffend seine Integration in Österreich vor.

 

7. In der Stellungnahme vom 31.08.2017 setzte sich der Beschwerdeführer ausführlich mit dem Gutachten von Mag. Mahringer auseinander und brachte vor, dass eine erzwungene Rückkehr nach Afghanistan eine ernsthafte Gefährdung seiner Rechte nach Art. 2 und 3 sowie 8 EMRK bedeuten würde, weshalb seine Abschiebung jedenfalls unzulässig sei.

 

8. Das Bundesverwaltungsgericht führte am 15.09.2017 in Anwesenheit eines Dolmetschers für die Sprache Paschtu und im Beisein des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers eine öffentliche mündliche Verhandlung durch. Die Verhandlung wurde zur fortgesetzten Einvernahme des Beschwerdeführers sowie zur Einvernahme der Zeugin

XXXX vertagt.

 

9. Mit Stellungnahme vom 31.10.2017 brachte der Beschwerdeführer vor durch seine Tätigkeit beim roten Halbmond zu den Feinden der Taliban und des IS zu zählen, weil er jenen geholfen habe, die diese durch Anschläge verletzt hätten. Die Taliban würden davon ausgehen, dass er mit der Regierung oder der internationalen Gemeinschaft zusammen-arbeite bzw. diese unterstütze, obwohl der rote Halbmond regierungsunabhängig sei. Zudem stelle eine Rückkehrentscheidung einen gravierenden Eingriff in sein durch Art. 8 EMRK gewährleistetes Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens dar. Darüber hinaus werde darauf hingewiesen, dass das Gutachten von Mag. Mahringer einen falschen Befund und ein falsches Gutachten erstatte, was nach § 288 Abs. 1 StGB gerichtlich strafbar ist. Der Beschwerdeführer schließe sich dem im Wege einer Pflichtanzeige durch das Bundesverwaltungsgericht einzuleitenden gerichtlichen Strafverfahren als Opfer und Privatbeteiligter iSd. § 66 StPO an.

 

10. Am 16.11.2017 wurde die öffentliche mündliche Verhandlung in Anwesenheit eines Dolmetschers für die Sprache Paschtu und im Beisein des Rechtsvertreters des Beschwerde-führers fortgesetzt. Es erfolgte die Einvernahme des Beschwerdeführers sowie die Einvernahme der Zeugin XXXX. Die Verhandlung wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.

 

11. Das Bundesverwaltungsgericht setzte die öffentliche mündliche Verhandlung am 05.07.2018 Verhandlung in Anwesenheit eines Dolmetschers für die Sprache Paschtu und im Beisein des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers fort.

 

12. Mit Stellungnahme vom 19.07.2018 verwies der Beschwerdeführer auf das Gutachten von Friederike Stahlmann vom 28.03.2018, wonach allein aufgrund der Anwesenheit in Afghanistan die Gefahr bestehe einen ernsthaften Schaden hinsichtlich des Lebens oder der körperlichen Unversehrtheit zu erleiden. Zudem führte der Beschwerdeführer wiederum aus, dass er in Österreich aufgrund seiner Verlobung über ein Familienleben verfüge, weshalb er im Falle seiner erzwungenen Rückkehr in seinem Recht nach Art. 8 EMRK verletzt wäre.

 

II. Das Bundesverwaltungsgericht hat erwogen:

 

1. Feststellungen:

 

1.1. Zur Person des Beschwerdeführers:

 

Der Beschwerdeführer führt den Namen XXXX und das Geburtsdatum XXXX alias XXXX. Er ist afghanischer Staatsangehöriger, gehört der Volksgruppe der Paschtunen an, bekennt sich zum sunnitisch-muslimischen Glauben und spricht Paschtu als Muttersprache. Er hat keine Kinder (AS 1, 56; Protokoll vom 15.09.2017 = OZ 16 Seite 7).

 

Der Beschwerdeführer wurde in der Provinz Nangarhar in der Stadt XXXX geboren. Er ist dort aufgewachsen und hat dort 12 Jahre lang die Schule besucht (AS 1, 57, 95 f; OZ 16 Seite 7-9). Er hat dort bei seinen zwei ältesten Brüdern, die beide über Eigentumshäuser in der Stadt XXXX besitzen, gewohnt (AS 58). Nach seinem Schulabschluss ist er zu seiner Mutter in ein Dorf im Bezirk XXXX (beim Bundesamt geschrieben: XXXX) in der Provinz Nangarhar gezogen (AS 56; OZ 16 Seite 9). Er hat dort mit seiner Mutter in einem Haus gelebt (AS 58; OZ 16 Seite 10). Er hat auch einen Englischkurs in Kabul sowie Computerkurse absolviert (AS 87-89). Die Familie des Beschwerdeführers verfügt über Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jirib in Afghanistan, die von Bauern bewirtschaftet wurden (AS 60; OZ 16 Seite 11). Den Unterhalt für sich und seine Mutter hat der Beschwerdeführer aus den Nahrungsmitteln der Ernte sowie aus Einnahmen aus dem Verkauf der Ernten bestritten. Zudem ist der Beschwerdeführer und seine Mutter von seinen zwei ältesten Brüdern finanziell unterstützt worden (AS 60; OZ 16 Seite 8).

 

Der Beschwerdeführer verfügt in der Stadt XXXX über drei Brüder und zwei Schwestern sowie über eine Schwester in seinem Heimatdorf im Distrikt XXXX. Der älteste Bruder des Beschwerdeführers betreibt zwei eigene Geschäfte, sein zweitältester Bruder führt ein eigenes Lebensmittelgeschäft und sein drittältester Bruder hat sein Studium beendet und geht derzeit keiner beruflichen Tätigkeit nach (AS 58; OZ 16 Seite 10). Die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers besitzen Eigentumshäuser in der Stadt XXXX (AS 58). Die Schwestern des Beschwerdeführers sind alle verheiratet und leben von den Einkünften ihrer Ehemänner (AS 58). Der Beschwerdeführer hat regelmäßig Kontakt mit seinen drei Brüdern in Afghanistan. Es kann nicht festgestellt werden, dass die Geschwister des Beschwerdeführers wegen diesem Probleme in Afghanistan haben.

 

Die Familie des Beschwerdeführers verfügt nach wie vor über ein Haus im Distrikt XXXX in der Provinz Nangarhar sowie über Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jilibs, die auch nach wie vor bewirtschaftet werden.

 

Der Beschwerdeführer hat zumindest grundlegende Ortskenntnisse betreffend Kabul.

 

Der Beschwerdeführer ist unter Umgehung der Grenzkontrollen nach Österreich eingereist und hält sich seit zumindest 05.02.2015 durchgehend in Österreich auf.

 

Der Beschwerdeführer hat Deutschkurse besucht (AS 71; Beilage ./G, ./H und ./L) und die Deutschprüfung für die Stufe A2 bestanden (AS 253). Der Beschwerdeführer ist dreimal zur Deutschprüfung für die Stufe B1 angetreten, hat diese jedoch nicht bestanden (Beilage ./E, ./F, ./M und ./N). Er hat an einem Erste-Hilfe-Kurs (AS 81) sowie einem Werte- und Orientierungskurs des österreichischen Integrationsfonds teilgenommen (Beilage ./B).

 

Der Beschwerdeführer erbrachte im Jahr 2016 und 2017 immer wieder Dolmetscher- und diverse Hausmeistertätigkeiten in seiner Unterkunft sowie Arbeiten für Gemeinden (AS 83; Beilage ./C). Im Jahr 2018 begleitet der Beschwerdeführer bei Bedarf Personen ins Krankenhaus (Protokoll vom 05.07.2018 = OZ 27 Seite 5 f).

 

Der Beschwerdeführer lebt von der Grundversorgung. Er hat eine Einstellungszusage eines Tischlerbetriebs vorgelegt (Beilage ./i). Es kann jedoch nicht festgestellt werden, dass diese Einstellungszusage noch aufrecht ist (OZ 27 Seite 10).

 

Es kann nicht festgestellt werden, dass sich der Beschwerdeführer sehr um sprachliche und berufliche Integration bemüht.

 

Der Beschwerdeführer hat freundschaftliche Beziehungen zu Österreichern knüpfen können und er wird von seinen Betreuern auch sehr geschätzt (AS 255; Beilage ./K), jedoch bestehen keine engen sozialen Bindungen zu diesen.

 

Der Beschwerdeführer hat sich am 22.09.2017 mit einer österreichischen Staatsbürgerin (in der Folge als Verlobte bezeichnet) verlobt (Protokoll vom 16.11.2017 = OZ 23 Seite 6, 11), die er im Juli 2015 im Zuge von Aktivitäten mit seinen Betreuern des Flüchtlingscamps kennengelernt hat (OZ 23 Seite 10). Der Beschwerdeführer steht seit Juli 2015 regelmäßig mit seiner Verlobten in Kontakt, sie haben jedoch nie im gemeinsamen Haushalt gelebt. Es kann nicht festgestellt werden, dass beim Beschwerdeführer und seiner Verlobten ein tatsächlicher Heiratswille oder die Planung einer gemeinsamen Zukunft vorliegt. Es kann auch nicht festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer und seine Verlobte beabsichtigen in absehbarer Zeit gemeinsam in einem Haushalt zu leben oder zu heiraten. Der Beschwerdeführer steht zu seiner Verlobten in keinem Abhängigkeitsverhältnis.

 

Der Beschwerdeführer verfügt über keine Verwandte in Österreich.

 

Der Beschwerdeführer leidet an keinen schwerwiegenden oder lebensbedrohlichen Krankheiten, er ist gesund (AS 54; OZ 16 Seite 16; OZ 27 Seite 7).

 

Der Beschwerdeführer ist in Österreich strafgerichtlich unbescholten.

 

1.2. Zu den Fluchtgründen des Beschwerdeführers:

 

Das vom Beschwerdeführer ins Treffen geführte Verfolgungsvorbringen kann nicht festgestellt werden.

 

Es kann nicht festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer für das Rote Kreuz bzw. den Roten Halbmond in Afghanistan (freiwillige) Tätigkeiten erbracht hat. Es kann daher auch der Vorfall, wonach der Beschwerdeführer bei einem Einsatz des Roten Halbmond nach einem Raketenanschlag auf ein Polizeiauto geholfen hat, nicht festgestellt werden.

 

Weiters kann weder festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer einen Drohbrief von den Taliban erhalten hat noch, dass er von den Taliban konkret und individuell mit der Ausübung von physischer und/oder psychischer Gewalt bedroht worden ist.

 

1.3. Zu einer möglichen Rückkehr des Beschwerdeführers in den Herkunftsstaat:

 

Dem Beschwerdeführer würde bei einer Rückkehr in die Provinz Nangarhar ein Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit drohen.

 

Die Wohnraum- und Versorgungslage ist in Kabul sehr angespannt. Bei einer Rückkehr nach Afghanistan und einer Ansiedelung in der Stadt Kabul kann der Beschwerdeführer jedoch grundlegende und notwendige Lebensbedürfnisse, wie Nahrung, Kleidung sowie Unterkunft, befriedigen, ohne in eine ausweglose bzw. existenzbedrohende Situation zu geraten. Er kann zumindest anfänglich mit finanzieller Unterstützung seiner zwei ältesten Brüder und der Familie seiner Verlobten rechnen. Zudem kann der Beschwerdeführer auf die Einnahmen durch den Verkauf der Ernte sowie auf das in Afghanistan vorhandene Vermögen seiner Familie zurückgreifen, weshalb er dann selber in Afghanistan für sein Auskommen und Fortkommen sorgen kann.

 

Es ist dem Beschwerdeführer somit möglich nach anfänglichen Schwierigkeiten nach einer Ansiedlung in der Stadt Kabul Fuß zu fassen und dort ein Leben ohne unbillige Härten zu führen, wie es auch andere Landsleute führen können.

 

1.4. Zur maßgeblichen Situation in Afghanistan:

 

Sicherheitslage

 

Wegen einer Serie von öffentlichkeitswirksamen (high-profile) Angriffen in städtischen Zentren, die von regierungsfeindlichen Elementen ausgeführt wurden, erklärten die Vereinten Nationen (UN) im Februar 2018 die Sicherheitslage für sehr instabil (Länderinformationsblatt für Afghanistan vom 29.06.2018 - LIB 29.06.2018, S. 20).

 

Für das Jahr 2017 registrierte die Nichtregierungsorganisation INSO (International NGO Safety Organisation) landesweit 29.824 sicherheitsrelevante Vorfälle. Im Jahresvergleich wurden von INSO 2016 landesweit 28.838 sicherheitsrelevante Vorfälle registriert und für das Jahr 2015 25.288. Zu sicherheitsrelevanten Vorfällen zählt INSO Drohungen, Überfälle, direkter Beschuss, Entführungen, Vorfälle mit IEDs (Sprengfallen/ Unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtung - USBV) und andere Arten von Vorfällen (LIB 29.06.2018, S. 20).

 

Afghanistan ist nach wie vor mit einem aus dem Ausland unterstützten und widerstandsfähigen Aufstand konfrontiert. Nichtsdestotrotz haben die afghanischen Sicherheitskräfte ihre Entschlossenheit und wachsenden Fähigkeiten im Kampf gegen den von den Taliban geführten Aufstand gezeigt. So behält die afghanische Regierung auch weiterhin Kontrolle über Kabul, größere Bevölkerungszentren, die wichtigsten Verkehrsrouten und den Großteil der Distriktzentren. Zwar umkämpften die Taliban Distriktzentren, sie konnten aber keine Provinzhauptstädte (bis auf Farah-Stadt) bedrohen. Dies ist den intensiven Luftangriffen durch die afghanische Nationalarmee und der Luftwaffe sowie verstärkter Nachtrazzien durch afghanische Spezialeinheiten zuzuschreiben (LIB 29.06.2018, S. 24).

 

Im Jänner 2018 waren 56.3% der Distrikte unter der Kontrolle bzw. dem Einfluss der afghanischen Regierung, während Aufständische 14.5% der Distrikte kontrollierten bzw. unter ihrem Einfluss hatten. Die übriggebliebenen 29.2% der Distrikte waren umkämpft. Die Provinzen mit der höchsten Anzahl an Distrikten, die von Aufständischen kontrolliert werden, waren mit Stand Jänner 2018 Uruzgan, Kunduz und Helmand. Alle Provinzhauptstädte befanden sich unter der Kontrolle bzw. dem Einfluss der afghanischen Regierung (LIB 29.06.2018, S. 32).

 

Die Taliban und weitere aufständische Gruppierungen wie der Islamische Staat (IS) verübten "high-profile"-Angriffe, speziell im Bereich der Hauptstadt, mit dem Ziel, eine Medienwirksamkeit zu erlangen und damit ein Gefühl der Unsicherheit hervorzurufen und so die Legitimität der afghanischen Regierung zu untergraben (LIB 29.06.2018, S. 25).

 

Die Anzahl der öffentlichkeitswirksamen (high-profile) Angriffe hatte sich von 1.6. - 20.11.2017 im Gegensatz zum Vergleichszeitraum des Vorjahres erhöht. In den ersten Monaten des Jahres 2018 wurden verstärkt Angriffe bzw. Anschläge durch die Taliban und den IS in verschiedenen Teilen Kabuls ausgeführt. Als Antwort auf die zunehmenden Angriffe wurden Luftangriffe und Sicherheits-operationen verstärkt, wodurch Aufständische in einigen Gegenden zurückgedrängt wurden; auch wurden in der Hauptstadt verstärkt Spezialoperationen durchgeführt, wie auch die Bemühungen der US-Amerikaner, Terroristen zu identifizieren und zu lokalisieren (LIB 29.06.2018, S. 25).

 

Landesweit haben Aufständische, inklusive der Taliban und des IS, in den Monaten vor Jänner 2018 ihre Angriffe auf afghanische Truppen und Polizisten intensiviert; auch hat die Gewalt Aufständischer gegenüber Mitarbeiter/innen von Hilfsorganisationen in den letzten Jahren zugenommen. Die Taliban verstärken ihre Operationen, um ausländische Kräfte zu vertreiben; der IS hingegen versucht, seinen relativ kleinen Einflussbereich zu erweitern. Die Hauptstadt Kabul ist in diesem Falle für beide Gruppierungen interessant (LIB 29.06.2018, S. 25).

 

Die Auflistung der high-profile Angriffe zeigt, dass die Anschläge in großen Städten, auch Kabul, hauptsächlich im Nahebereich von Einrichtungen mit Symbolcharakter (Moscheen, Tempel bzw. andere Anbetungsorte), auf Botschaften oder auf staatliche Einrichtungen stattfinden. Diese richten sich mehrheitlich gezielt gegen die Regierung, ausländische Regierungen und internationale Organisationen (LIB 29.06.2018, S. 26 ff, 30).

 

Taliban:

 

Die Taliban konzentrierten sich auf den Aufbau einer "Regierungsführung" der Taliban (Engl. "governance") bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Gewalt gegen die afghanische Regierung, die ANDSF und ausländische Streitkräfte. Nichtsdestotrotz erreichten die Taliban, die Hauptziele dieser "Kampfsaison" nicht. Auch wollten sich die Taliban auf jene Gegenden konzentrieren, die vom Feind befreit worden waren. Das Scheitern der Taliban-Pläne für 2017 ist auf aggressive ANDSF-Operationen zurückgeführt, aber auch auf den Umstand, dass die Taliban den IS und die ANDSF gleichzeitig bekämpfen müssen (LIB 29.06.2018, S. 34).

 

Die Veränderungen des Konfliktschemas wirken sich auf die Rekrutierungsstrategien der Taliban aus. Die Taliban sind aktiver als bisher bemüht, Personal mit militärischem Hintergrund oder militärischen Fertigkeiten zu rekrutieren. Da das Personal der afghanischen Streitkräfte über diese Fähigkeiten verfügt, versuchen die Taliban diese auf ihre Seite zu ziehen. Aufgrund der Schwerpunktlegung auf militärisches Wissen ist auch das Durchschnittsalter der Rekruten gestiegen (Beilage ./VIII, S. 8).

 

Menschen schließen sich den Taliban zum einen aus materiellen und wirtschaftlichen Gründen zum anderen aus kulturellen und religiösen Gründen an. Die Rekruten sind durch Armut, fehlende Chancen und die Tatsache, dass die Taliban relativ gute Löhne bieten, motiviert. Es spielt auch die Vorstellung, dass die Behörden und die internationale Gemeinschaft den Islam und die traditionellen Standards nicht respektieren würden, eine zentrale Rolle, wobei sich die Motive überschneiden (Beilage ./VIII, S. 12-13). Die Taliban waren mit ihrer Expansion noch nicht genötigt Zwangsmaßnahmen zur Rekrutierung anzuwenden. Zwangsrekrutierung ist noch kein herausragendes Merkmal für den Konflikt. Die Taliban bedienen sich nur sehr vereinzelt der Zwangsrekrutierung, indem sie männliche Dorfbewohner in von ihnen kontrollierten Gebieten, die mit der Sache nicht sympathisieren, zwingen, als Lastenträger zu dienen (Beilage ./VIII, S. 18). Taliban haben keine Schwierigkeiten beim Zugang zu neuen Rekruten (Beilage ./VIII, S. 8).

 

Die Taliban nehmen heute vermehrt auf die Wünsche und Bedürfnisse der Gemeinschaften Rücksicht. Die Organisation der Taliban betreibt Zwangsrekrutierung nicht systematisch und Personen, die sich gegen eine Mobilisierung wehren, werden keine rechtsverletzenden Reaktionen angedroht. Zudem steht eine auf Zwang beruhende Mobilisierungspraxis den im Pashtunwali (Rechts- und Ehrenkodex der Paschtunen) enthaltenen fundamentalen Werten von Familie, Freiheit und Gleichheit entgegen. Es kommt nur in sehr beschränkten Ausmaß und in Ausnahmefällen zu unmittelbaren Zwangsrekrutierungen durch die Taliban, da die Taliban ausreichend Zugriff zu freiwilligen Rekruten haben. Zudem ist es schwierig einen Afghanen zu zwingen, gegen seinen Willen gegen jemanden oder etwas zu kämpfen (Beilage ./VIII, S. 19).

 

Die Taliban sind zwar im gesamten Staatsgebiets Afghanistans miteinander verbunden, sie verfolgen jedoch nur jene Personen, deren Tätigkeit bei ausländischen Kräften einen Schaden für die Taliban verursacht haben oder dass die Taliban davon ausgehen, dass diese mit den Ausländern an die Front gehen würden, also ausschließlich Personen, die nach wie vor eine Gefahr für die Taliban darstellen oder die nach wie vor aktive Mitarbeiter und Mitglieder der ausländischen Behörden sind (Beilage ./V).

 

Drohbriefe

 

Die Taliban verfolgen das Schreiben von Drohbriefen nicht mehr und die meisten Drohbriefe sind Fälschungen. Ein Taliban-Sprecher hat dazu angegeben: "Wenn ein Kämpfer vermutet, dass jemand mit der Regierung oder den Sicherheitskräften arbeitet, wird dessen Familie kontaktiert und aufgefordert, diese Tätigkeit einzustellen. Wir senden keine Drohbriefe, das ist nicht unser Stil. Nur sehr selten verwenden wir das Telefon, wenn wir auf ernsthafte Probleme stoßen. All diese Talibanbriefe sind gefälscht". Gefälschte Briefe werden auf dem Briefpapier des islamischen Emirats für USD 1.000 pro Stück verkauft. Ein Fälscher ging davon aus, dass aktuell nur 1% der Briefe ernsthafte Drohungen beinhalten würde (Beilage ./VI, Seite 2f)

 

Nangarhar

 

Die Provinz Nangarhar liegt im Osten von Afghanistan. Im Norden grenzt sie an die Provinzen Kunar und Laghman, im Westen an die Hauptstadt Kabul und die Provinz Logar und an den Gebirgszug Spinghar im Süden. Die Provinzhauptstadt Jalalabad ist 120 Kilometer von Kabul entfernt. Die Bevölkerungszahl der Provinz wird auf

1.573.973 geschätzt. Die Provinz Nangarhar besteht, neben der Hauptstadt Jalalabad aus 21 Distrikten (LIB 29.06.2018, S. 150).

 

In den letzten Jahren hat sich die Sicherheitslage in der Provinz Nangarhar verschlechtert. Nangahar war seit dem Sturz des Taliban-Regimes eine der relativ ruhigen Provinzen im Osten Afghanistans, jedoch versuchen bewaffnete Aufständische in den letzten Jahren ihre Aktivitäten in der Provinz auszuweiten. In den letzten Jahren versuchen Aufständische der Taliban und des IS in abgelegenen Distrikten Fuß zu fassen. Befreiungsoperationen, in denen auch Luftangriffe gegen den IS getätigt werden, werden in den unruhigen Distrikten der Provinz durchgeführt. Angriffe auch auf lokale Beamte und Sicherheitskräfte in der Provinz werden regelmäßig von Aufständischen der Taliban und dem IS durchgeführt (LIB 29.06.2018, S. 151).

 

Nangarhar war die Provinz mit den meisten im Jahr 2017 registrierten Anschlägen. Im gesamten Jahr 2017 wurden in Nangarhar 862 zivile Opfer (344 getötete Zivilisten und 518 Verletzte) registriert. Hauptursache waren Bodenoffensiven, gefolgt von IEDs und gezielten Tötungen. Dies bedeutet eine Steigerung von 1% im Gegensatz zum Vergleichsjahr 2016 (LIB 29.06.2018, S. 152).

 

In der Provinz werden regelmäßig militärische Operationen ausgeführt, um gewisse Distrikte von Aufständischen zu befreien. Ebenso werden Luftangriffe durchgeführt bei denen Aufständische getötet wurden, darunter auch IS-Kämpfer (LIB 29.06.2018, S. 152).

 

Anhänger der Taliban, als auch des IS haben eine Präsenz in mehreren südlichen Distrikten. Nachdem die Grausamkeit des IS ihren Höhepunkt erreicht hat, sind die Taliban in Nangarhar beliebter geworden und haben an Einfluss gewonnen. Auch ist es dem IS nicht mehr so einfach möglich, Menschen zu rekrutieren (LIB 29.06.2018, S. 152).

 

Obwohl militärische Operationen durchgeführt werden, um Aktivitäten der Aufständischen zu unterbinden, sind die Taliban in einigen Distrikten der Provinz aktiv. In Nangarhar kämpfen die Taliban gegen den IS, um die Kontrolle über natürliche Minen und Territorium zu gewinnen; insbesondere in der Tora Bora Region, die dazu dient, Waren von und nach Pakistan zu schmuggeln. Bewaffnete Zusammenstöße zwischen Taliban und IS fanden statt, dabei ging es um Kontrolle von Territorium. In einem Falle haben aufständische Taliban ihren ehemaligen Kommandanten getötet, da ihm Verbindungen zum IS nachgesagt wurden (LIB 29.06.2018, S. 152).

 

Seit dem Jahr 2014 gibt es einen Anstieg von Aktivitäten des IS in manchen abgelegenen Teilen der Provinz - dazu zählt auch der Distrikt Achin. Der IS zeigte weiterhin große Widerstandsfähigkeit, wenngleich die afghanischen und internationalen Kräfte gemeinsame Operationen durchführten. Die Gruppierung führte mehrere Angriffe gegen die zivile Bevölkerung und militärische Ziele aus - insbesondere in Kabul und Nangarhar (LIB 29.06.2018, S. 152 f).

 

Eine Anzahl Aufständischer der Taliban und des IS haben sich in der Provinz Nangarhar dem Friedensprozess angeschlossen (LIB 29.06.2018, S. 153).

 

Kabul

 

Die Provinzhauptstadt von Kabul und gleichzeitig Hauptstadt von Afghanistan ist Kabul-Stadt. Die Stadt hat 22 Stadtgemeinden und 14 administrative Einheiten. Die Bevölkerungszahl der Provinz wird auf

4.679.648 geschätzt (LIB 29.06.2018, S. 46).

 

In der Hauptstadt Kabul leben unterschiedliche Ethnien: Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Turkmenen, Belutschen, Sikhs und Hindus. Ein Großteil der Bevölkerung gehört dem sunnitischen Glauben an, dennoch lebt eine Anzahl von Schiiten, Sikhs und Hindus nebeneinander in Kabul Stadt. Menschen aus unsicheren Provinzen, auf der Suche nach Sicherheit und Jobs, kommen nach Kabul - beispielsweise in die Region Shuhada-e Saliheen. In der Hauptstadt Kabul existieren etwa 60 anerkannte informelle Siedlungen, in denen 65.000 registrierte Rückkehrer/innen und IDPs wohnen (LIB 29.06.2018, S. 46).

 

Kabul ist durch einen internationalen Flughafen sicher erreichbar (LIB 29.06.2018, S. 47, 221 f).

 

Einst als relativ sicher erachtet, ist die Hauptstadt Kabul von öffentlichkeitswirksamen (high-profile) Angriffen der Taliban betroffen, die darauf abzielen, die Autorität der afghanischen Regierung zu untergraben. Regierungsfeindliche, bewaffnete Gruppierungen inklusive des IS versuchen in Schlüsselprovinzen und -distrikten, wie auch in der Hauptstadt Kabul, Angriffe auszuführen. Im Jahr 2017 und in den ersten Monaten des Jahres 2018 kam es zu mehreren "high-profile"-Angriffen in der Stadt Kabul; dadurch zeigte sich die Angreifbarkeit/Vulnerabilität der afghanischen und ausländischen Sicherheitskräfte (LIB 29.06.2018, S. 47).

 

Im Jahr 2017 war die höchste Anzahl ziviler Opfer Afghanistans in der Provinz Kabul zu verzeichnen, die hauptsächlich auf willkürliche Angriffe in der Stadt Kabul zurückzuführen waren; 16% aller zivilen Opfer in Afghanistan sind in Kabul zu verzeichnen.

Selbstmordangriffe und komplexe Attacken, aber auch andere Vorfallsarten, in denen auch IEDs verwendet wurden, erhöhten die Anzahl ziviler Opfer in Kabul. Dieser öffentlichkeitswirksame (high-profile) Angriff im Mai 2017 war alleine für ein Drittel ziviler Opfer in der Stadt Kabul im Jahr 2017 verantwortlich (LIB 29.06.2018, S. 48).

 

Regelmäßig werden in der Hauptstadt Sicherheitsoperationen durch die Regierung in unterschiedlichen Gebieten ausgeführt. Im Rahmen des neuen Sicherheitsplanes sollen außerdem Hausdurchsuchungen ausgeführt werden. Um die Sicherheitslage in Kabul-Stadt zu verbessern, wurden im Rahmen eines neuen Sicherheitsplanes mit dem Namen "Zarghun Belt" (der grüne Gürtel), der Mitte August 2017 bekannt gegeben wurde, mindestens 90 Kontrollpunkte in den zentralen Teilen der Stadt Kabul errichtet. Die afghanische Regierung deklarierte einen Schlüsselbereich der afghanischen Hauptstadt zur "Green Zone" - dies ist die Region, in der wichtige Regierungs-institutionen, ausländische Vertretungen und einige Betriebe verortet sind. Kabul hatte zwar niemals eine formelle "Green Zone"; dennoch hat sich das Zentrum der afghanischen Hauptstadt, gekennzeichnet von bewaffneten Kontrollpunkten und Sicherheitswänden, immer mehr in eine militärische Zone verwandelt. Die neue Strategie beinhaltet auch die Schließung der Seitenstraßen, welche die Hauptstadt Kabul mit den angrenzenden Vorstädten verbinden; des Weiteren, werden die Sicherheitskräfte ihre Präsenz, Personenkontrollen und geheimdienstlichen Aktivitäten erhöhen. Damit soll innerhalb der Sicherheitszone der Personenverkehr kontrolliert werden. Die engmaschigen Sicherheitsmaßnahmen beinhalten auch eine erhöhte Anzahl an Sicherheitskräften und eine Verbesserung der Infrastruktur rund um Schlüsselbereiche der Stadt. Auch übernimmt die ANA einige der porösen Kontrollpunkte innerhalb der Stadt und bildet spezialisierte Soldaten aus, um Wache zu stehen. Des Weiteren soll ein kreisförmiger innerer Sicherheitsmantel entstehen, der an einen äußeren Sicherheitsring nahtlos anschließt - alles dazwischen muss geräumt werden (LIB 29.06.2018, S. 49).

 

Sowohl die Taliban als auch der IS verüben öffentlichkeitswirksame (high-profile) Angriffe in der Stadt Kabul, auch das Haqqani-Netzwerk soll Angriffe in der Stadt Kabul verübt haben. So existieren in der Hauptstadt Kabul scheinbar eine Infrastruktur, Logistik und möglicherweise auch Personal ("terrorists to hire"), die vom Haqqani-Netzwerk oder anderen Taliban-Gruppierungen, Splittergruppen, die unter der Flagge des IS stehen, und gewaltbereiten pakistanischen sektiererischen (anti-schiitischen) Gruppierungen verwendet werden (LIB 29.06.2018, S. 49).

 

Zum Beispiel wurden zwischen 27.12.2017 und 29.1.2018 acht Angriffe in drei Städten ausgeführt, zu denen neben Jalalabad und Kandahar auch Kabul zählte - fünf dieser Angriffe fanden dort statt. Nichtsdestotrotz deuten die verstärkten Angriffe - noch - auf keine größere Veränderung hinsichtlich des "Modus Operandi" der Taliban an (LIB 29.06.2018, S. 49).

 

Paschtunen

 

Ethnische Paschtunen sind die größte Ethnie Afghanistans. Sie sprechen Paschtu/Pashto; die meisten ihrer Regierungsvertreter sprechen auch Dari. Pashtunwali ist ein komplexes System von Wertvorstellungen und Verhaltensrichtlinien, die besagen, dass es für einen Paschtunen nicht ausreicht, Paschtu zu sprechen, sondern dass man auch die Regeln dieses Ehren- und Verhaltenskodex befolgen muss. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stammlinienverband bedeutet viele Verpflichtungen, aber auch Rechte, weshalb sich solche Verbände als Solidaritätsgruppen verstehen lassen (LIB 29.06.2018, S. 275).

 

Korruption

 

Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex für 2017 von Transparency International, belegt Afghanistan von 180 Ländern den 177. Platz. 83,7% der Afghanen betrachten die Korruption als ein Hauptproblem des Landes. Die Provinzen mit der höchsten Korruptionswahrnehmung sind Kabul mit 89,6%, Uruzgan mit 87,9%, Nangarhar mit 87,8% und Helmand mit 86,9% (LIB 29.06.2018, S. 244).

 

Das Gesetz sieht zwar strafrechtliche Sanktionen für amtliche Korruption vor, jedoch setzt die Regierung diese Vorschriften nicht effektiv um. Beamte gehen oft ungestraft korrupten Praktiken nach. Korruption ist in der afghanischen Gesellschaft verbreitet und die Geldflüsse des Militärs, der internationalen Geldgeber und des Drogenhandels verschärfen das Problem zusätzlich. Verschiedene Bereiche sind von Korruption betroffen. Auch im Justizsystem ist Korruption weit verbreitet, insbesondere im Strafrecht und bei der Anordnung von Haftentlassungen. Es wird auch von illegaler Aneignung von Land durch staatliche und private Akteure berichtet (LIB 29.06.2018, S. 245).

 

Bestechung bleibt im öffentlichen Sektor weiterhin verbreitet und Schmiergeldzahlungen können direkt oder indirekt von Beamten gefordert oder auch von den Bürgern und Bürgerinnen selbst angeboten werden. Afghanen zahlen in den folgenden Bereichen Bestechungsgelder: Rechtswesen, Arbeitsmarkt, an administrativen Behörden auf Provinz- und Distriktebene, Sicherheitsbehörden sowie im Bildungs- und Gesundheitswesen. Trotz der Bemühungen der Geldgeber und der afghanischen Regierung Mechanismen zur Förderung von Verantwortlichkeit und Transparenz zu entwickeln, wurde ein erheblicher Teil der Hilfsgelder für Afghanistan durch Korruption und Fehlleitung veruntreut (LIB 29.06.2018, S. 245).

 

NGOs, internationale Menschenrechtsorganisationen und Zivilgesellschaft

 

Korruption in den Behörden, bürokratische Meldepflichten und Bedrohungen durch militante Gruppierungen behindern manchmal die Aktivitäten der NGOs. Im Jahr 2017 musste das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) wegen einiger erlittener Angriffe auf Personal und Gesundheitseinrichtungen seine Tätigkeiten in bestimmten Gegenden im Norden Afghanistans einstellen. Im Jänner 2018 fand ein Angriff auf das Büro von Save The Children in Jalalabad statt. NGO-Personal und Mitarbeiter von internationalen Menschenrechtsorganisationen sind in der Regel Ziele aufständischer Gruppierungen. Zwischen Jänner und Februar 2018 wurden 31 Gewaltvorfälle gegenüber NGOs registriert. 30% dieser Vorfälle waren Einschüchterungen und Drohungen (LIB 29.06.2018, S. 248).

 

Die Bedrohung von NGOs ist jedoch rückläufig und afghanische NGO-Arbeitnehmer werden nicht mehr systematisch von den Aufständischen verfolgt. Unter bestimmten Umständen kann dies dennoch der Fall sein: Arbeit für eine US-finanzierte oder eine US-Organisation oder wenn es um Aktivitäten geht die von den Aufständischen als politisch erachtet werden. Das Risiko einer derartigen Bedrohung ist jedoch in den Städten Kabul, Mazar-e Sharif und Herat gering. Wenn ein afghanischer Zivilist seine Arbeit für eine NGO, eine internationale Organisation oder für ein ausländisches Unternehmen beendet und in eine sicher Gegend umsiedelt, besteht für ihn - sofern keine spezifischen individuellen Umstände, welche zu einer Verfolgung führen bestehen - die Möglichkeit sich den Bedrohungen der Aufständischen zu entziehen (Beilage ./IV, S. 11 f).

 

Wirtschaft:

 

Angesichts des langsamen Wachstums, sicherheitsbedingter Versorgungsunterbrechungen und schwacher landwirtschaftlicher Leistungen, nimmt die Armut weiterhin zu (LIB 29.06.2018, S. 311).

 

Für ca. ein Drittel der Bevölkerung ist die Landwirtschaft (inklusive Tiernutzung) die Haupteinnahmequelle. Die Arbeitslosigkeit betrifft hauptsächlich gering qualifizierte bildungsferne Personen; diese sind auch am meisten armutsgefährdet. Es müssten jährlich geschätzte 400.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, um Neueinsteiger in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Mehr als ein Drittel der männlichen Bevölkerung (34,3%) Afghanistans und mehr als die Hälfte der weiblichen Bevölkerung (51,1%) sind nicht in der Lage, eine passende Stelle zu finden (LIB 29.06.2018, S. 312).

 

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist angespannt und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Sogar für gut ausgebildete und gut qualifizierte Personen ist es schwierig ohne ein Netzwerk einen Arbeitsplatz zu finden, wenn man nicht empfohlen wird oder dem Arbeitgeber nicht vorgestellt wird. Vetternwirtschaft ist gang und gebe. Arbeitgeber bewerten persönliche Beziehungen und Netzwerke höher als formelle Qualifikationen. Es gibt lokale Webseiten, die offene Stellen im öffentlichen und privaten Sektor annoncieren. Die meisten Afghanen sind unqualifiziert und Teil des informellen, nicht-regulierten Arbeitsmarktes. Der Arbeitsmarkt besteht Großteiles aus manueller Arbeit ohne Anforderungen an eine formelle Ausbildung und spiegelt das niedrige Bildungsniveau wieder. In Kabul gibt es öffentliche Plätze, wo sich Arbeitssuchende und Nachfragende treffen. Viele bewerben sich, nicht jeder wird engagiert. Der Lohn beträgt für Hilfsarbeiter meist USD 4,3 und für angelernte Kräfte bis zu USD 14,5 pro Tag (EASO Afghanistan Netzwerke aus Jänner 2018, S. 29 - 30).

 

Rückkehrer:

 

Im Jahr 2017 kehrten sowohl freiwillig, als auch zwangsweise insgesamt 98.191 Personen aus Pakistan und 462.361 Personen aus Iran zurück. Bis Juli 2017 kehrten aus Europa und der Türkei 41.803 Personen nach Afghanistan zurück (LIB 29.06.2018, S. 324 f).

 

Auch wenn scheinbar kein koordinierter Mechanismus existiert, der garantiert, dass alle Rückkehrer/innen die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, und dass eine umfassende Überprüfung stattfindet, können Personen, die freiwillig oder zwangsweise nach Afghanistan zurückgekehrt sind, dennoch verschiedene Unterstützungsformen in Anspruch nehmen. Eine Reihe unterschiedlicher Organisationen ist für Rückkehrer/innen und Binnenvertriebene (IDP) in Afghanistan zuständig. Außerdem erhalten Rückkehrer/innen Unterstützung von der afghanischen Regierung, den Ländern, aus denen sie zurückkehren, und internationalen Organisationen (z.B. IOM) sowie lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGO) (z. B. IPSO und AMASO). Nichtsdestotrotz scheint das Sozialkapital die wichtigste Ressource zu sein, die Rückkehrer/innen zur Verfügung steht, da keine dezidiert staatlichen Unterbringungen für Rückkehrer existieren und familiäre Unterbringungsmöglichkeiten für Rückkehrer/innen daher als die zuverlässigste und sicherste Möglichkeit erachtet werden. So kehrt der Großteil der (freiwilligen bzw. zwangsweisen) Rückkehrer/innen direkt zu ihren Familien oder in ihre Gemeinschaften zurück. Für jene, die diese Möglichkeit nicht haben sollten, stellen die Regierung und IOM eine temporäre Unterkunft zur Verfügung, wo Rückkehrer/innen für maximal zwei Wochen untergebracht werden können (LIB 29.06.2018, S. 326 f).

 

IOM, IRARA, ACE und AKAH bieten Unterstützung und nachhaltige Begleitung bei der Reintegration einschließlich Unterstützung bei der Suche nach einer Beschäftigung oder Schulungen an. NRC bietet Rückkehrer/innen aus Pakistan, Iran und anderen Ländern Unterkunft sowie Haushaltsgegenstände und Informationen zur Sicherheit an und hilft bei Grundstücksstreitigkeiten. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) unterstützt Rückkehrer/innen dabei, ihre Familien zu finden (LIB 29.06.2018, S. 327 f).

 

Psychologische Unterstützung von Rückkehrer/innen wird über die Organisation IPSO betrieben - alle Leistungen sind kostenfrei. Diejenigen, die es benötigen und in abgelegene Provinzen zurückkehren, erhalten bis zu fünf Skype-Sitzungen von IPSO. Für psychologische Unterstützung könnte auch ein Krankenhaus aufgesucht werden; möglicherweise mangelt es diesen aber an Kapazitäten (LIB 29.06.2018, S. 328).

 

Die Großfamilie ist die zentrale soziale Institution in Afghanistan und bildet das wichtigste soziale Sicherheitsnetz der Afghanen. Alle Familienmitglieder sind Teil des familiären Netzes. Die Großfamilie trägt zu Schutz, Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder bei. Sie bildet auch eine wirtschaftliche Einheit; die Männer der Familie sind verpflichtet, die Mitglieder der Großfamilie zu unterstützen und die Familie in der Öffentlichkeit zu repräsentieren. Auslandsafghanen pflegen zumeist enge Kontakte mit ihren Verwandten in Afghanistan. Nur sehr wenige Afghanen in Europa verlieren den Kontakt zu ihrer Familie. Die Qualität des Kontakts mit der Familie hängt möglicherweise auch davon ab, wie lange die betreffende Person im Ausland war bzw. wie lange sie tatsächlich in Afghanistan lebte, bevor sie nach Europa migrierte. Der Faktor geographische Nähe verliert durch technologische Entwicklungen sogar an Wichtigkeit. Der Besitz von Mobiltelefonen ist mittlerweile "universell" geworden und digitale Kommunikation wird eine zunehmende Selbstverständlichkeit, vor allem in den Städten. Ein fehlendes familiäres Netzwerk stellt eine Herausforderung für die Reintegration von Migrant/innen in Afghanistan dar. Dennoch haben alleinstehende afghanische Männer, egal ob sie sich kürzer oder länger außerhalb der Landesgrenzen aufhielten, sehr wahrscheinlich eine Familie in Afghanistan, zu der sie zurückkehren können. Eine Ausnahme stellen möglicherweise jene Fälle dar, deren familiäre Netze in den Nachbarstaaten Iran oder Pakistan liegen (LIB 29.06.2018, S. 329 f).

 

Familien in Afghanistan halten in der Regel Kontakt zu ihrem nach Europa ausgewanderten Familienmitglied und wissen genau Bescheid, wo sich dieses aufhält und wie es ihm in Europa ergeht. Dieser Faktor wird in Asylinterviews meist heruntergespielt und viele Migranten, vor allem Minderjährige, sind instruiert zu behaupten, sie hätten keine lebenden Verwandten mehr oder jeglichen Kontakt zu diesen verloren (LIB 29.06.2018, S. 330).

 

Ein Netzwerk ist für das Überleben in Afghanistan wichtig. So sind einige Rückkehrer/innen auf soziale Netzwerke angewiesen, wenn es ihnen nicht möglich ist, auf das familiäre Netz zurückzugreifen. Die Rolle sozialer Netzwerke - der Familie, der Freunde und der Bekannten - ist für junge Rückkehrer/innen besonders ausschlaggebend, um sich an das Leben in Afghanistan anzupassen. Sollten diese Netzwerke im Einzelfall schwach ausgeprägt sein, kann die Unterstützung verschiedener Organisationen und Institutionen in Afghanistan in Anspruch genommen werden (LIB 29.06.2018, S. 330).

 

Es kann nicht festgestellt werden, dass Rückkehrer, auf Grund dieses Merkmals, in Afghanistan psychischer oder physischer Gewalt ausgesetzt sind.

 

2. Beweiswürdigung:

 

Beweis wurde erhoben durch Einsicht in den Verwaltungsakt sowie in den Gerichtsakt, durch Einvernahme des Beschwerdeführers sowie der Zeuginnen XXXX (Verlobte des Beschwerdeführers), XXXX (Schwester der Verlobten des Beschwerdeführers) und XXXX (Mutter der Verlobten des Beschwerde-führers) in der mündlichen Verhandlung und durch Einsichtnahme in die zum Akt genommenen Urkunden Beilage ./I bis ./IX (Konvolut ZMR, GVS, Strafregister - Beilage ./I;

Länderinformationsblatt der Staatendokumentation über Afghanistan vom 02.03.2017 mit Aktualisierung vom 30.01.2018 - Beilage ./II;

Gutachten von Mag. Mahringer vom 05.03.2017 - Beilage ./III;

Anfragebeantwortung der Staatendokumentation betreffend die Gefährdungslage von Dolmetschern und Regierungsmitgliedern vom 11.02.2014 - Beilage ./IV; Gutachterliche Stellungnahme Dr. Rasuly vom 13.06.2012, Tätigkeit für ausländische Organisationen - Beilage ./V; Anfragebeantwortung der Staatendokumentation betreffend Drohbriefe der Taliban vom 28.07.2016 - Beilage ./VI;

Länderinformationsblatt der Staatendokumentation über Afghanistan vom 29.06.2018 - Beilage ./VII; Bericht Landinfo betreffend Nachrichtendienst der Taliban und die Einschüchterungskampagne in Afghanistan vom 23.08.2017 - Beilage ./VIII; EASO-Bericht betreffend Netzwerke in Afghanistan aus Jänner 2018 - Beilage ./IX) und Beilage ./A bis ./N (Kopie der Tazkira - Beilage ./A; Teilnahmebestätigung Werte und Orientierungskurs vom 13.07.2017 - Beilage ./B;

Bestätigung gemeinnützige Tätigkeit vom 11.09.2017 - Beilage ./C;

Konvolut von Fotos, 5 Seiten - Beilage ./D; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 20.06.2017 - Beilage ./E; ÖSD Zertifikat B1, Aufgliederung - Beilage ./F; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 2 vom 31.05.2017 - Beilage ./G;

Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 1 vom 10.04.2017 - Beilage ./H; eine Bestätigung über eine Arbeitseinstellungszusage vom 24.10.2017 - Beilage ./i; ein Foto des Beschwerde-führers mit der Weste des roten Halbmondes (Beschwerdeführer gibt an, dass das Foto vom Jahr 2011 oder 2012 ist) - Beilage ./J; Empfehlungsschreiben der Regionalleitung der Caritas vom 15.11.2017 - Beilage ./K; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B2, Teil 1 vom 24.01.2018 - Beilage ./L; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 02.01.2018 - Beilage ./M; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 09.02.2018 - Beilage ./N) sowie durch Einsichtnahme in die Stellungnahme vom 28.08.2017 (OZ 13), vom 31.08.2017 (OZ 14), vom 31.10.2017 (OZ 22) und vom 19.07.218 (OZ 28) sowie in die mit Stellungnahme vom 28.08.2017 vorgelegten Urkunden (Beilagen zu OZ 13: Teilnahmebestätigung Werte und Orientierungskurs vom 13.07.2017 [ident mit Beilage ./B]; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 2 vom 31.05.2017 [ident mit Beilage ./G]; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 1 vom 10.04.2017 [ident mit Beilage ./H]; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 20.06.2017 samt Aufgliederung [ident mit Beilage ./E und ./F]).

 

2.1. Zu den Feststellungen zur Person des Beschwerdeführers:

 

Die einzelnen Feststellungen beruhen auf den jeweils in der Klammer angeführten Beweismitteln.

 

Die Feststellungen zur Identität des Beschwerdeführers ergeben sich aus seinen dahingehend übereinstimmenden Angaben vor den Organen des öffentlichen Sicherheitsdienstes, vor dem Bundesamt, in der Beschwerde und vor dem Bundesverwaltungsgericht. Die getroffenen Feststellungen zum Namen und zum Geburtsdatum des Beschwerdeführers gelten ausschließlich zur Identifizierung der Person des Beschwerdeführers im Asylverfahren.

 

Die Feststellungen zur Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers, seiner Volksgruppen- und Religionszugehörigkeit, seiner Muttersprache, seinem Lebenslauf (sein Aufwachsen sowie seine familiäre und wirtschaftliche Situation in Afghanistan, seine Schulausbildung) sowie zu den Eigentumsverhältnissen seiner Familie gründen sich auf seine diesbezüglich im Wesentlichen gleich gebliebenen Aussagen des Beschwerdeführers, weshalb das Bundesverwaltungsgericht keine Veranlassung hat, an diesen zu zweifeln.

 

Dass der Beschwerdeführer und seine Mutter in Afghanistan durch seine zwei ältesten Brüder finanziell unterstützt worden sind, ergibt sich aus seinen diesbezüglich schlüssigen Angaben beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung. Dass es sich dabei um seine zwei ältesten Brüder gehandelt hat, ergibt sich daraus, dass der Beschwerdeführer angegeben hat, dass sein drittältester Bruder noch studiert und in einem Studentenheim in XXXX gewohnt habe (AS 60; OZ 16 Seite 9). Es ist daher davon auszugehen, dass dieser nicht genügend Geld gehabt habe um den Beschwerdeführer und seine Mutter finanziell zu unterstützen. Die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers waren hingegen schon im Besitz von Eigentums-häusern und haben eigene Geschäfte betrieben (AS 58; OZ 16 Seite 10). Es war daher festzustellen, dass die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers den Beschwerdeführer und seine Mutter finanziell in ihrem Heimatdorf unterstützt haben.

 

Die Feststellungen, dass der Beschwerdeführer noch über drei Brüder und zwei Schwestern in der Stadt XXXX sowie eine Schwester in seinem Heimatdorf im Distrikt XXXX verfügt sowie zu deren Lebenssituation in Afghanistan, ergeben sich aus seinen diesbezüglich stringenten Aussagen beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung (AS 58; OZ 16 Seite 10). Dass der Beschwerdeführer Kontakt mit seinen drei Brüder hat ergibt sich aus seiner Aussage beim Bundesamt, wonach er mit seinem drittältesten Bruder per Handy Kontakt habe und mit den Anderen wenig Kontakt habe (AS 58) sowie aus den Länderfeststellungen. Diesen ist zu entnehmen, dass die Großfamilie die zentrale soziale Institution in Afghanistan ist, zu der alle Familienmitglieder zählen. Die Großfamilie trägt zu Schutz, Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder bei. Sie bildet auch eine wirtschaftliche Einheit; die Männer der Familie sind verpflichtet, die Mitglieder der Großfamilie zu unterstützen und die Familie in der Öffentlichkeit zu repräsentieren. Auslandsafghanen pflegen zumeist enge Kontakte mit ihren Verwandten in Afghanistan und verlieren nur selten den Kontakt zu ihrer Familie. Insbesondere durch technologische Entwicklungen verliert der Faktor geographische Nähe an Wichtigkeit. Der Besitz von Mobiltelefonen ist mittlerweile "universell" geworden und digitale Kommunikation wird eine zunehmende Selbstverständlichkeit, vor allem in den Städten. Die Familien in Afghanistan halten in der Regel Kontakt zu ihren nach Europa ausgewanderten Familienmitgliedern und wissen genau Bescheid, wo sich diese aufhalten und wie es ihnen in Europa ergeht. Dieser Faktor wird in Asylinterviews meist heruntergespielt und viele Migranten, vor allem Minderjährige, sind instruiert zu behaupten, sie hätten keine lebenden Verwandten mehr oder jeglichen Kontakt zu diesen verloren (vgl. Punkt II.1.5.). Sofern der Beschwerdeführer in Beschwerdeverhandlung daher nunmehr angab nur mehr mit seinem drittältesten Bruder Kontakt zu haben (OZ 16 Seite 10 f; OZ 23 Seite 5; OZ 27 Seite 7), ist dies nicht glaubhaft. Dies insbesondere auch deshalb, weil der Beschwerdeführer einige Zeit bei seinen zwei ältesten Brüdern gelebt hat und von diesen auch finanziell unterstützt worden ist (AS 58, 60; OZ 16 Seite 8), sodass davon auszugehen ist, dass er eine gute Beziehung zu seinen zwei ältesten Brüdern gehabt hat. Der Beschwerdeführer hat beim Bundesamt zwar angegeben, dass er abgesehen von seinem drittältesten Bruder nur wenig Kontakt zu den Anderen habe (AS 58), dennoch ist aus den soeben ausgeführten Gründen davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nach wie vor - wenn auch nur wenig - Kontakt zu seinen drei Brüdern in Afghanistan hat.

 

Der Beschwerdeführer gab beim Bundesamt an, dass Menschen, die nicht bei der Regierung arbeiten normal leben können. Da seine Brüder privat tätig seien, hätten sie keine Probleme und können normal leben (AS 58). Auch in der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017 gab der Beschwerdeführer an, dass es seinem Bruder gut gehe (OZ 16 Seite 11). Sofern der Beschwerdeführer nunmehr in der fortgesetzten Beschwerdeverhandlung am 16.11.2017 angab, dass sein Bruder seinetwegen Probleme in Afghanistan habe (OZ 23 Seite 5), ist dies nicht glaubhaft. Einerseits sind die Angaben des Beschwerdeführers zum Fluchtvorbringen nicht glaubhaft (siehe Punkt II.2.2.), sodass es unplausibel ist, dass nunmehr der Bruder des Beschwerdeführers seinetwegen Probleme haben sollte. Andererseits sind die diesbezüglichen Angaben des Beschwerdeführers derart vage, dass nicht ersichtlich ist worin die Probleme bestehen, die sein Bruder seinetwegen haben soll. Darüber hinaus hätte der Beschwerdeführer bereits beim Bundesamt oder der ersten mündlichen Verhandlung die Gelegenheit gehabt etwaige Probleme seiner Geschwister in Afghanistan vorzubringen. Der Beschwerdeführer hat hingegen ausdrücklich angegeben, dass sie keine Probleme haben und es ihnen gut gehe (AS 58; OZ 16 Seite 11). Dass die Probleme des Bruders des Beschwerdeführers erst nach der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017, somit mehr als 4 1/2 Jahre nach seiner Ausreise aus Afghanistan [Anm. BVwG: Ausreise aus Afghanistan am 31.12.2012 (AS 57; OZ 16 Seite 10)], angefangen haben sollen, ist unplausibel. Es konnte daher nicht festgestellt werden, dass die Geschwister des Beschwerdeführers wegen diesem Probleme in Afghanistan haben.

 

Dass die Familie des Beschwerdeführers nach wie vor über ein Haus im Distrikt XXXX in der Provinz Nangarhar sowie über Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jilibs verfügt, ergibt sich aus den diesbezüglich stringenten Angaben des Beschwerdeführers beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung (AS 58; OZ 16 Seite 11). Dass die Grundstücke nach wie vor bewirtschaftet werden, ergibt sich daraus, dass diese schon damals von Bauern bewirtschaftet wurden und lediglich die Ernte von der Familie des Beschwerdeführers verkauft wurde (AS 58). Es ist daher davon auszugehen, dass die Grundstücke weiterhin von den Bauern bewirtschaftet und die Ernte von den Brüdern des Beschwerdeführers verkauft wird.

 

Die Feststellung, dass der Beschwerdeführer zumindest grundlegende Ortskenntnisse über Kabul verfügt, ergibt sich aus seiner Aussage, wonach er 1 1/2 Monate in Kabul verbracht habe bevor er Afghanistan verlassen habe (AS 57; OZ 16 Seite 20). Da die Angaben des Beschwerdeführers zum Fluchtvorbringen nicht glaubhaft sind (siehe Punkt II.2.2.), ist es für das Gericht unplausibel, dass er sich in Kabul versteckt habe und das Haus nicht verlassen habe (OZ 16 Seite 20). Zudem legte der Beschwerdeführer ein Zertifikat des "Kabul English Language and Computer Center" vor, weshalb das Gericht davon ausgeht, dass er einen Kurs in Kabul absolviert hat (AS 91 f).

 

Die Feststellungen zur Einreise sowie das Datum der Antragstellung ergeben sich aus dem Akteninhalt.

 

Die Feststellungen zum Leben des Beschwerdeführers in Österreich (insbesondere zur Aufenthaltsdauer, seinen Deutschkenntnissen, seinen familiären oder engen sozialen Anknüpfungspunkten in Österreich und seiner Integration in Österreich) stützen sich auf die Aktenlage (vgl. insbesondere den Auszug aus dem Grundversorgungs-Informationssystem), auf die Angaben des Beschwerdeführers sowie der Zeuginnen in der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht (OZ 16 Seite 13-19; OZ 23; OZ 27) sowie auf die vom Beschwerdeführer in der mündlichen Verhandlung vorgelegten Unterlagen (Beilage ./A bis ./N).

 

Dass der Beschwerdeführer dreimal zur ÖSD Deutsch Prüfung für die Stufe B1 angetreten ist, diese jedoch nicht bestanden hat, ergibt sich aus den jeweils vorgelegten ÖSD Zertifikaten (Beilage ./E, ./F, ./M und ./N). Aus der jeweiligen Aufgliederung der Prüfungsergebnisse geht hervor, dass der Beschwerdeführer insbesondere beim dritten Antritt hinsichtlich der schriftlichen Prüfung im Vergleich zu seinen zwei vorherigen Prüfungsantritten am wenigsten Punkte erreichen konnte. Auch hinsichtlich der mündlichen Prüfung hat sich der Beschwerdeführer im Vergleich zu den vorherigen Prüfungsantritten punktemäßig nicht verbessern könne (Beilage ./F, ./M und ./N). Das Gericht leitet daraus ab, dass die Bemühungen des Beschwerdeführers an einer sprachlichen Integration nachgelassen haben.

 

Der Beschwerdeführer hat eine Einstellungszusage eines Tischlerbetriebs vom 24.10.2017 vorgelegt. Dieser ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer aufgrund der derzeitigen Auftragslage als Tischler eingestellt werden kann (Beilage ./i). Da die Einstellungszusage bereits mehr als ein halbes Jahr zurückliegt und ausdrücklich wegen der damaligen Auftragslage erfolgt ist und sich der Beschwerdeführer nicht erkundigt hat, ob diese noch aufrecht ist (OZ 27 Seite 10), konnte nicht festgestellt werden, dass die Einstellungszusage noch aufrecht ist. Zudem lässt das Unterlassen der Nachfrage beim Tischlerbetrieb am Interesse des Beschwerdeführers einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen zweifeln.

 

Dass zu den in Österreich geknüpften freundschaftlichen Beziehungen keine engen sozialen Bindungen bestehen, ergibt sich daraus, dass der Beschwerdeführer in der Beschwerde-verhandlung zwar drei Vornamen seiner Freunde nannte, jedoch sonst keine weiteren Angaben zu ihnen gemacht hat (OZ 16 Seite 15). Der Beschwerdeführer hat diese - bis auf das eine Mal - im Verfahren nicht wieder erwähnt.

 

Die Feststellungen betreffend die Verlobung des Beschwerdeführers ergeben sich aus den Aussagen des Beschwerdeführers und der Zeuginnen. Der Beschwerdeführer gab in der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017 an: "Seit über 2 Jahren sind wir zusammen. Wir werden in der Zukunft sehen, ob wir heiraten. Zuerst muss ich einen Asylstatus, ein Einkommen und eine Arbeit haben. Dann werden wir sehen, ob wir heiraten. Ich möchte unbedingt dieses Mädchen heiraten." (OZ 16 Seite 7). Die Angaben des Beschwerdeführers sind in sich widersprüchlich, da er zum einen angibt, er werde sehen, ob sie heiraten, zum anderen jedoch angibt, dass er seine nunmehrige Verlobte unbedingt heiraten wolle. Überraschend ist daher, dass der Beschwerdeführer am 22.09.2017 (OZ 23 Seite 6, 11), somit lediglich eine Woche nach der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017, seiner nunmehrigen Verlobten einen Heiratsantrag gemacht hat, zumal der Beschwerdeführer auch angegeben hat, dass er erstmal einen Aufenthaltsstatus, ein Einkommen und eine Arbeit haben möchte und dann sehe, ob er seine nunmehrige Verlobte heirate (OZ 16 Seite 7). Hochzeitspläne habe bisher jedoch weder der Beschwerdeführer noch seine Verlobte getroffen. So gab der Beschwerdeführer an erst heiraten zu wollen, wenn er Geld, eine Arbeit und einen positiven Aufenthaltsstatus habe. Sobald er dann einen positiven Aufenthaltsstatus habe werde er mit seiner Verlobten bezüglich der Hochzeit Rücksprache halten (OZ 23 Seite 7). Auch die Verlobte des Beschwerdeführers gab an noch nicht mit dem Beschwerdeführer über ein Hochzeitsdatum gesprochen zu haben. Zudem wolle sie sich erstmal auf ihr Studium konzentrieren (OZ 23 Seite 12). Insbesondere in der Beschwerdeverhandlung am 05.07.2018 gab die Verlobte des Beschwerdeführers an, dass sie in letzter Zeit nicht so oft über das Thema Hochzeit gesprochen haben und dies verschieben, weil sie zuerst ihr Studium beenden wolle, welches noch ca. fünf Jahre dauere (OZ 27 Seite 9, 11). Weiters sind die Angaben der Verlobten des Beschwerdeführers zu ihren gemeinsamen Zukunftsplänen sehr allgemein gehalten. Sie gab lediglich an, dass sie Kinder und eine gemeinsame Wohnung haben und gemeinsam glücklich sein wollen (OZ 23 Seite 13). Dass der Beschwerdeführer und seine Verlobte konkret eine gemeinsame Zukunft planen ist daraus jedoch nicht abzuleiten, zumal sie auch angegeben hat, dass sie erst darüber reden werden wann sie Kinder haben wollen (OZ 23 Seite 12) und auch noch nicht besprochen haben welches Religionsbekenntnis diese haben sollen (OZ 23 Seite 13). Auch daraus, dass der Beschwerdeführer in der Beschwerdeverhandlung am 05.07.2018 angegeben hat, dass sie nach dem Abschluss ihres Studiums heiraten werden und zwei Kinder haben wollen (OZ 27 Seite 8), kann noch keine konkrete gemeinsame Zukunftsplanung abgeleitet werden, zumal die Angaben des Beschwerdeführers und seiner Verlobten derart vage sind.

 

Die Feststellungen zum regelmäßigen Kontakt des Beschwerdeführers mit seiner Verlobten und dazu, dass sie bisher noch nicht im selben Haushalt gewohnt haben, ergibt sich aus ihren Aussagen in der Beschwerdeverhandlung. Aufgrund des Umstandes, dass die Verlobte des Beschwerdeführers derzeit ihr Studium in einem anderen Bundesland absolviert als der Beschwerdeführer seinen Aufenthaltsort hat, und dieses Studium noch ca. fünf Jahre dauert (OZ 27 Seite 9), ist nicht erkennbar, dass der Beschwerdeführer und seine Verlobte beabsichtigen in absehbarer Zeit gemeinsam in einem Haushalt zu leben. Zudem zeigt auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer nunmehr mit zwei Freunden privat in einer Wohnung lebt (OZ 27 Seite 7), dass er nicht in absehbarer Zeit mit seiner Verlobten zusammenziehen werde, zumal er sonst ebenso in eine kleine Wohnung ziehen hätte können, in der er mit seiner Verlobten derzeit jedes zweite Wochenende ungestört verbringen hätte können.

 

Aus der Aktenlage ist ersichtlich, dass er Beschwerdeführer während seines gesamten Aufenthaltes in Österreich Leistungen aus der Grundversorgung bezogen hat. Da im Rahmen der Grundversorgung die existenziellen Grundbedürfnisse des Beschwerdeführers abgedeckt wurden und nach wie vor werden, kann das erkennende Gericht keine im gegenständlichen Fall zu berücksichtigende Abhängigkeit von seiner Verlobten erkennen. Zudem hat auch die Verlobte des Beschwerdeführers angegeben keine Finanzmittel zusammen zu verwalten (OZ 23 Seite 11).

 

Die Feststellungen zum Gesundheitszustand gründen auf den diesbezüglich glaubhaften Aussagen des Beschwerdeführers beim Bundesamt und in der mündlichen Verhandlung (AS 54; OZ 16 Seite 16; OZ 27 Seite 7) und auf dem Umstand, dass im Verfahren nichts Gegenteiliges hervorgekommen ist.

 

Die Feststellung zur strafgerichtlichen Unbescholtenheit des Beschwerdeführers ergibt sich aus der Einsichtnahme in das Strafregister (Strafregisterauszug vom 08.11.2017).

 

2.2. Zu den Feststellungen zum Fluchtvorbringen des Beschwerdeführers:

 

Das Hauptvorbringen des Beschwerdeführers lautet, er sei Mitarbeiter beim "Roten Kreuz" bzw. "Roten Halbmond" gewesen. Die Taliban sollen einen Geländewagen der Polizei mit einer Rakete zerstört haben. Die Hilfsorganisation sei gerufen worden und habe Erste-Hilfe geleistet und die Verletzten ins Spital gebracht. Da die Taliban dies erfahren haben sollen, seien die Mitarbeiter dieser Organisation mit dem Tod bedroht worden. Der Beschwerdeführer habe einen Drohbrief erhalten. Sein Bruder habe ihm geraten zu flüchten, sodass er Afghanistan verlassen habe.

 

2.2.1. In den wesentlichen Angaben des Beschwerdeführers betreffend seine Fluchtgeschichte sind erhebliche Widersprüche und Ungereimtheiten enthalten, die seine Angaben unglaubhaft scheinen lassen. Das Gericht geht auf Grund nachstehender Widersprüche und Ungereimtheiten davon aus, dass es sich bei den Angaben des Beschwerdeführers betreffend seine Fluchtgeschichte nicht um tatsächlich Erlebtes handelt:

 

Der Beschwerdeführer gab vor dem Gericht, befragt wie viele Mitarbeiter es in der Organisation gab, an: "Unser Team bestand aus 7 Personen." (OZ 16, Seite 12). Auf die Frage wie die Teammitglieder heißen, nannte der Beschwerdeführer sieben Namen. Dies ist unplausibel, da der Beschwerdeführer seinen eigenen Namen nicht nannte, sondern sieben andere Namen. Diesfalls müsste jedoch das Team aus insgesamt 8 Personen bestanden haben und nicht nur aus sieben.

 

Der Beschwerdeführer gab vor dem Bundesamt an: "[...] die Dorfältesten [haben] uns gewarnt [...], dass wir die Weste vom roten Halbmond nicht tragen sollen, da auf der Rückseite ein rotes Kreuz Zeichen ist und das ist gegen den Islam." (AS 64). In der Verhandlung gab der Beschwerdeführer dazu im Widerspruch an: "Die Westen sind weiß, am Rücken ist ein Halbmond aufgedruckt." (OZ 16, Seite 22). Absolut nicht nachvollziehbar ist, dass der Beschwerdeführer betreffend seine "Uniform" derart widersprüchliche Angaben gemacht hat, zumal der Beschwerdeführer vier Jahre diese Tätigkeit ausgeübt haben soll (AS 57; OZ 16 Seite 13). Nach der allgemeinen Lebenserfahrung muss es dem Beschwerdeführer daher möglich sein gleichbleibend anzugeben, ob auf der Weste der Hilfsorganisation für die er ca. 4 Jahre tätig gewesen sei, ein Halbmond oder ein Kreuz als Logo abgebildet gewesen sei. Sofern der Beschwerdeführer in der Beschwerdeverhandlung ein Foto von sich in einer weißen Schürze und mit einer Schirmkappe, auf denen jeweils ein roter Halbmond abgebildet ist, vorgelegt hat (Beweis ./J), ist festzuhalten, dass diesem lediglich zu entnehmen ist, dass der Beschwerdeführer zumindest einmal diese Schürze und diese Schirmkappe getragen hat. Das Foto dient daher weder als Beweis dafür, dass der Beschwerdeführer für den "Roten Halbmond" bzw. das "Rote Kreuz" tätig gewesen ist noch, dass ihm diese "Uniform" gehört hat oder er diese "Uniform" tatsächlich auch im Beisein von Leuten getragen habe, zumal er auf dem Foto lediglich auf einer einsamen Grünfläche abgebildet ist (Beweis ./J).

 

Es fällt auch auf, dass der Beschwerdeführer bezüglich seiner angeblichen Tätigkeit für den "Roten Halbmond" bzw. das "Rote Kreuz" sehr vage Angaben getätigt hat. Der Beschwerdeführer wurde diesbezüglich in der Beschwerdeverhandlung auch zweimal ausdrücklich ermahnt detaillierte Angaben zu machen und nicht nur vage zu erzählen (OZ 16 Seite 12 f).

 

Den Länderfeststellungen ist zu entnehmen, dass der Korruptionswahrnehmungsindex für Afghanistan sehr hoch ist. Korruption ist in der afghanischen Gesellschaft verbreitet. So gehen Beamte oft ungestraft korrupten Praktiken nach. Darüber hinaus ist den Länderberichten auch zu entnehmen, dass gefälschte Dokumente wie Drohbriefe leicht zu kaufen sind (vgl. Punkt II.1.4.). Es ist daher davon auszugehen, dass es für afghanische Bürger möglich ist sich Dokumente jeglicher Art zu beschaffen.

 

So ist insbesondere bezüglich der im Verfahren vorgelegten Bestätigung des "Roten Halbmonds" (AS 93) festzuhalte, dass diese einen unseriösen Eindruck macht, weil das Logo abgeschnitten und sehr unscharf abgebildet ist.

 

Es sind daher auf Grund der unplausiblen Angaben des Beschwerdeführers über seine berufliche Tätigkeit sowie auf Grund des äußeren Erscheinungsbildes der vorgelegten Urkunden Zweifel an der Echtheit und Richtigkeit des vom Beschwerdeführer vorgelegten Ausweises vom "Roten Halbmond" (AS 77) und der Bestätigung des "Roten Halbmonds" (AS 93) gegeben.

 

Vor dem Hintergrund der Länderberichte bezüglich Korruption und gefälschter Urkunden in Afghanistan ist es dem Beschwerdeführer aufgrund seiner derart vagen und widersprüchlichen Angaben nicht gelungen glaubhaft zu machen, dass er für das Rote Kreuz bzw. den Roten Halbmond in Afghanistan (freiwillige) Tätigkeiten erbracht hat.

 

2.2.2. Auch die Angaben des Beschwerdeführers zu dem angeblichen Einsatz nach einem Raketenangriff auf ein Polizeiauto und die diesbezügliche Bedrohung durch die Taliban waren nicht glaubhaft:

 

Nach der allgemeinen Lebenserfahrung scheint es unplausibel, dass die Passagiere eines Geländewagens den Beschuss einer Raketengranate überleben und, zwar mit Blut voll waren, jedoch lediglich eine Knochenzersplitterung des Knies bzw. der rechten Hand, wobei die Knochen zu sehen waren, davon getragen haben (OZ 16 Seite 20). Dies insbesondere auch deshalb, weil der Beschwerdeführer in der Beschwerdeverhandlung angegeben hat, dass das Auto total zerstört gewesen sei und das Auto von der Raketengranate auf der Vorderseite getroffen worden sei (OZ 16 Seite 21).

 

Der Beschwerdeführer gab in der Verhandlung, befragt wer von seinem

Team vor Ort war, an: "Unser Teamleiter war dort, noch weitere vier Personen und ich." (OZ 16 Seite 21). Befragt welche vier weiteren

Personen dort waren, gab der Beschwerdeführer an: "XXXX, XXXX, XXXX und die 4. Person war ich selber". (OZ 16 Seite 21). Dies ist ein Widerspruch, da der Beschwerdeführer einmal angab, dass 4 weitere Personen dort waren und zusätzlich er selber und einmal soll er einer dieser 4 Personen gewesen sein.

 

Vor dem Bundesamt gab der Beschwerdeführer an: "Die Taliban erfuhren davon und daraufhin wurden die Mitarbeiter dieser Organisation mit dem Tod bedroht." (AS 59). Weiter gab der Beschwerdeführer vor dem Bundesamt, befragt, ob alle Kollegen von der Organisation Roter

Halbmond betroffen waren, an: "Ich weiß es nicht, ich habe so schnell wie möglich das Land verlassen und ich glaube, dass die anderen auch betroffen waren." (AS 61). In der Verhandlung gab der Beschwerdeführer ebenfalls an, dass er nicht weiß, ob andere Leute aus seinem Team ebenfalls bedroht worden sind (OZ 16, Seite 22). Es ist für das Gericht nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer vor dem Bundesamt in der freien Erzählung angibt, dass "die Mitarbeiter" (Plural) nach dem Vorfall von den Taliban bedroht worden seien und der Beschwerdeführer bei der anschließenden Befragung angibt, dass er es nicht wisse bzw. dass er glaubt, dass die anderen betroffen waren.

 

Der Beschwerdeführer gab vor dem Bundesamt an: "Ich habe im Büro Bescheid gegeben, dass ich nach diesem Vorfall einen Drohbrief bekam und mich deshalb in Lebensgefahr befinde. Sie haben gesagt, dass das meine Entscheidung sei. Sie sagten auch, dass sie für die Sicherheit keine Garantie abgeben können." (AS 61). In der Verhandlung gab der Beschwerdeführer, auf die Frage, ob er nach dem Vorfall noch Kontakt zur Organisation hatte, an: "Ich habe nach diesem Vorfall nur einmal telefonisch mit dem Teamleiter gesprochen. Ich sagte ihm Bescheid, dass ich nicht mehr arbeiten komme." (OZ 16, Seite 21). Befragt, ob der Beschwerdeführer dem Teamleiter den Grund dafür genannt hat, gab dieser an: "Nein ich habe ihm den Grund nicht gesagt. Ich habe ihm nur gesagt, er soll einen Ersatz für mich suchen." (OZ 16, Seite 21). Es ist für das Gericht widersprüchlich, dass der Beschwerdeführer einmal seiner Organisation mitgeteilt habe, dass er Drohbriefe erhalten habe und der Beschwerdeführer ein anderes Mal angab, dass er seiner Organisation nicht gesagt habe, was der Grund für die Beendigung der Arbeit war.

 

Es ist für das Gericht in diesem Zusammenhang auch unplausibel, dass er nach dem Erhalt des Drohbriefes die anderen Mitarbeiter nicht informiert oder mit diesen gesprochen haben mag. Da der Beschwerdeführer sich mit seinen Kollegen über mehr als zwei Jahre einmal in der Woche getroffen habe und zusätzlich bei Einsätzen 5-7 Stunden mit diesen zusammengearbeitet habe, ist es für das Gericht nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer seine Kollegen nicht verständigt hat. Auf Grund der engen Zusammenarbeit wäre davon auszugehen, dass es einen besonders starken Zusammenhalt im Team gibt, sodass davon auszugehen wäre, dass der Beschwerdeführer seine Teammitglieder bzw. seine Teammitglieder diesen informieren.

 

Unplausibel ist zudem, dass der Beschwerdeführer nur einen Drohbrief erhalten habe und davor und danach nicht. Der Beschwerdeführer habe auch weder mit Angehörigen der Taliban geredet noch Anrufe oder Droh-SMS bekommen (OZ 16, Seite 21). Im Drohbrief ist jedoch enthalten, dass der Beschwerdeführer begonnen habe gegen uns (Taliban) zu arbeiten. Er sei daher mehrmals gewarnt worden. Man (Taliban) habe ihm mitgeteilt, dass er seine Arbeit beenden solle und es würde dem Beschwerdeführer verziehen werden. Der Beschwerdeführer habe jedoch keine Reaktion gezeigt und sei weiter seiner Arbeit nachgegangen. Bei einem Gefecht mit der Polizei habe er dieser geholfen. Das Urteil sei daher der Tod (AS 73, Übersetzung AS 69). Es ist nicht nachvollziehbar, dass im Brief steht, dass der Beschwerdeführer mehrfach gewarnt worden sei, wenn der Beschwerdeführer selber angibt, dass er nur einen Drohbrief erhalten habe und weder davor noch danach bedroht worden sei.

 

Zu beachten ist hier auch die Anfragebeantwortung der Staatendokumentation (Beilage ./VI, Seite 2f). Dort wird der Talibansprecher zitiert: "Wenn ein Kämpfer vermutet, dass jemand mit der Regierung oder den Sicherheitskräften arbeitet, wird dessen Familie kontaktiert und aufgefordert, diese Tätigkeit einzustellen. Wir senden keine Drohbriefe, das ist nicht unser Stil. Nur sehr selten verwenden wir das Telefon, wenn wir auf ernsthafte Probleme stoßen. All diese Talibanbriefe sind gefälscht" Die Angaben des Beschwerdeführers, er habe nur einen Drohbrief erhalten und sonst nichts, sind daher auch aus diesem Grund nicht glaubhaft.

 

Der Beschwerdeführer gab beim Bundesamt an, dass er sich am 02.09.1391 (22.11.2012) beschlossen habe Afghanistan zu verlassen. Sein letzter Arbeitstag sei der 01.09.1391 (21.11.2012) gewesen (AS 57). Vor dem Gericht gab der Beschwerdeführer jedoch an, dass er sich an dem Tag, als er den Drohbrief erhalten habe, entschlossen habe Afghanistan zu verlassen. Der Tag an dem er den Drohbrief erhalten habe, sei auch sein letzter Arbeitstag gewesen (OZ 16, Seite 23). Nach den Angaben des Beschwerdeführers bei Gericht habe er sich daher an seinem letzten Arbeitstag entschlossen Afghanistan zu verlassen. Im Widerspruch dazu lag nach seinen Angaben beim Bundesamt jedoch ein Tag dazwischen (vom 01.09 auf den 02.09). Die Angaben des Beschwerdeführers sind daher nicht glaubhaft.

 

In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass der Beschwerdeführer laut seinen Angaben beim Bundesamt den Entschluss Afghanistan zu verlassen am 21.11.2012 (AS 57), somit noch vor dem Erhalt des Drohbriefes, der nämlich mit 28.12.2012 datiert ist (AS 69), gefasst hat.

 

Der Beschwerdeführer gab bei Gericht an, dass er das Datum von dem Vorfall, als er die Polizisten in das Spital gebracht habe, nicht mehr genau angeben kann. Er könne auch den Monat nicht genau angeben (OZ 16, Seite 20). Dies ist für das Gericht jedoch nicht nachvollziehbar, da der Beschwerdeführer in der Verhandlung angab, dass dieser Vorfall eine Woche vor dem Erhalt der Briefe lag und der Beschwerdeführer beim Bundesamt, ein Jahr zuvor und mehrere Jahre nach der Ausreise, bei dem Tag seiner Ausreise, seines Entschlusses das Land zu verlassen und bei dem letzten Arbeitstag auf den Tag genau das Datum nennen konnte. Es ist für das Gericht daher nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer nicht einmal den genauen Monat des behaupteten Vorfalles in der Verhandlung angeben konnte.

 

Den Länderinformationen (Beilage ./IV, Seite 11f) ist zu entnehmen, dass die Bedrohung von NGOs rückläufig sei, es könne aber noch unter bestimmten Umständen der Fall sein: Arbeiten für eine US-finanzierte oder eine US-Organisation oder wenn es um Aktivitäten gehe, die von Aufständischen als politisch erachtet werden. Der Beschwerdeführer hat jedoch für keine US-finanzierte Organisation und auch für keine US-Organisation gearbeitet. Zudem sei er, nach seinen Angaben, dort nicht angestellt, sondern nur freiwilliger Helfer. Es ist für das Gericht zudem nicht schlüssig, dass die Arbeit des Roten Kreuzes oder des Roten Halbmondes als politisch eingestuft werden sollte, wenn erst einmal Polizisten geholfen worden wäre und die Organisation bereits über mehrere Jahre dort tätig wäre. Zudem ist nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer als freiwilliger Helfer bedroht worden wäre und nicht der Teamleiter oder die dortigen Führungskräfte. Die Angaben des Beschwerdeführers sind in sich nicht schlüssig.

 

Der Beschwerdeführer präsentierte zudem lediglich eine vage Rahmengeschichte, die er erst auf wiederholtes Nachfragen konkretisierte. Das Gericht hatte daher nicht den Eindruck, dass es sich bei der erzählten Geschichte um ein tatsächliches Erlebnis handelt.

 

Dem Verfolgungsvorbringen des Beschwerdeführers kommt aus den oben dargelegten Gründen daher keine Glaubhaftigkeit zu.

 

2.2.3. Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG liegt es am Beschwerdeführer, entsprechend glaubhaft zu machen, dass ihm im Herkunftsstaat eine Verfolgung im Sinne des Art. 1 Abschnitt A Z 2 Genfer Flüchtlingskonvention droht. Wie oben dargestellt ergab sich eine Vielzahl von Widersprüchen und Unplausibilitäten in wesentlichen Punkten der Aussage des Beschwerdeführers.

 

Es ist dem Beschwerdeführer daher nicht gelungen, sein Verfolgungsvorbringen glaubhaft zu machen. Es konnte somit das Verfolgungsvorbringen nicht festgestellt werden.

 

2.3. Zu den Feststellungen zur Situation im Herkunftsstaat und zu einer möglichen Rückkehr des Beschwerdeführers in den Herkunftsstaat:

 

Die Feststellungen zur maßgeblichen Situation im Herkunftsstaat stützen sich auf die zitierten Quellen. Da diese aktuellen Länderberichte auf einer Vielzahl verschiedener, voneinander unabhängiger Quellen von regierungsoffiziellen und nicht-regierungsoffiziellen Stellen beruhen und dennoch ein in den Kernaussagen übereinstimmendes Gesamtbild ohne wesentliche Widersprüche darbieten, besteht im vorliegenden Fall für das Bundesverwaltungsgericht kein Anlass, an der Richtigkeit der getroffenen Länderfeststellungen zu zweifeln. Insoweit den Feststellungen zur Lage im Herkunftsstaat Berichte älteren Datums zugrunde liegen, ist auszuführen, dass sich seither die darin angeführten Umstände unter Berücksichtigung der dem Bundesverwaltungsgericht von Amts wegen vorliegenden Berichte aktuelleren Datums für die Beurteilung der gegenwärtigen Situation nicht wesentlich geändert haben.

 

In der Stellungnahme vom 19.07.2018 (OZ 28) verwies der Rechtsvertreter auf das Stahlmann-Gutachten vom März 2018, welches im Auftrag des Verwaltungsgerichtes Wiesbaden erstellt wurde, dass dem Bundesverwaltungsgericht jedoch nicht als Beweismittel vorgelegt wurde. Zunächst ist zu beachten, dass der pauschale Verweis des Beschwerdeführers respektive von seinem Rechtsvertreter auf das Gutachten von Friederike Stahlmann vom 28.03.2018, 7 K 1757/16.WI.A nicht geeignet ist, eine konkrete und individuell den Beschwerdeführer treffende Bedrohung bzw. eine Verfolgung aufzuzeigen.

 

Das Gutachten kommt zum Schluss, dass alleine aufgrund der Anwesenheit einer Person in Afghanistan die Gefahr eines ernsthaften Schadens hinsichtlich ihres Lebens oder ihrer körperlichen Unversehrtheit bestünde. Das Gesamtniveau der Gewalt würde sich aus einer Kombination von Gewaltformen (Gefahr ausgehend von Aufständischen, staatlichen Akteuren oder privaten Akteuren) konstituieren, dass grundsätzlich landesweit drohen würde. Jedoch ist zu beachten, dass im gegenständlichen Gutachten eine subjektive Quellenauswahl und -interpretation vorgenommen wurde und von regionalen Einzelfällen Rückschlüsse auf die Situation in Afghanistan landesweit geschlossen werden. Die Gutachterin trifft insbesondere zur Sicherheitslage in Afghanistan teilweise nur sehr allgemein gehaltene Aussagen - die einer rechtlichen Beurteilung gleichkommen - und lässt dabei vor allem regionale Unterschiede zwischen den einzelnen Provinzen vollkommen außer Acht. Außerdem sind die Schlussfolgerungen der Gutachterin, dass eine Ansiedlung in Kabul ohne familiäre oder soziale Unterstützung nicht möglich ist, aufgrund der zugrundeliegenden Quellen zu allgemein gehalten, um daraus eine verallgemeinerungsfähige, über den Einzelfall hinausgehende Feststellung zu treffen. Es wird zwar seitens der Gutachterin eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür aufgezeigt, dass es für afghanische Rückkehrer schwer ist in Kabul eine Arbeit und eine Wohnung zu finden, sie liefert jedoch keinen Nachweis dafür, dass sich die beschriebenen Risiken bei einer bestimmten Anzahl von Rückkehrern tatsächlich realisiert haben und deswegen jeder Rückkehrer einer tatsächlichen Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt wäre.

 

Schließlich weist dieses Gutachten für das erkennende Gericht auch nicht denselben Beweiswert auf, wie länderkundliche Informationen (LIB, UNHCR-Richtlinien, etc.), die einen qualitätssichernden Objektivierungsprozess für die Gewinnung von Informationen zur Lage im Herkunftsstaat durchliefen, sodass das Gericht seine Feststellungen auf das Länderinformationsblatt der Staatendokumentation, den Bericht von EASO und Landinfo sowie auf die Anfragebeantwortungen der Staatendokumentation stützt.

 

Die Feststellungen zu den Folgen einer Rückkehr des Beschwerdeführers in seine Herkunftsprovinz Nangarhar ergeben sich aus den o.a. Länderberichten. Daraus geht unter anderem hervor, dass die Herkunftsprovinz des Beschwerdeführers volatil ist.

 

Die Feststellungen zu den Folgen einer Ansiedlung des Beschwerdeführers in außerhalb seiner Herkunftsprovinz gelegenen Landesteilen, insbesondere in der Stadt Kabul, ergeben sich - unter Berücksichtigung der von UNHCR aufgestellten Kriterien für das Bestehen einer internen Schutzalternative für Afghanistan - aus den o. a. Länderberichten zu Kabul und aus den Angaben des Beschwerdeführers.

 

In der Hauptstadt Kabul finden überwiegend Angriffe in Regierungs- und Botschaftsnähe, also mit möglichst hoher medialer Reichweite, statt. Dabei kam es immer wieder zu zivilen Opfern. Die Regierung ist jedoch in der Lage hier die Sicherheit abseits dieser High-Profile Attentate zu gewährleisten bzw. ist sogar dabei diese auszubauen. Das Gericht geht daher davon aus, dass es in der Stadt Kabul zu Anschlägen kommt, jedoch nicht in allen Stadtteilen.

 

Dass die Wohnraum- und Versorgungslage angespannt ist ergibt sich aus den Länderberichten, wonach in Kablu zwar an sich Wohnraum zur Verfügung steht, es jedoch eine erhebliche Anzahl an Rückkehrern gibt, sodass die Lage angespannt ist. Auch gibt es nicht genügend Arbeitsplätze.

 

Dass der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan von seinen zwei ältesten Brüdern - zumindest anfänglich - finanziell unterstützt werden kann, ergibt sich aus seiner Aussage beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung, wonach seine Brüder ihn und seine Mutter als er noch in Afghanistan gelebt habe bereits finanziell unterstützt haben (AS 60; OZ 16 Seite 8). Die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers verfügen über Eigentumshäuser und betreiben Geschäfte (AS 58; OZ 16 Seite 10), sodass davon auszugehen ist, dass es ihnen nach wie vor finanziell möglich ist den Beschwerdeführer finanziell zu unterstützen. Zudem verfügt die Familie des Beschwerdeführers über ein Haus und Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jirib im Heimatdorf des Beschwerdeführers, die nach wie vor bewirtschaftet werden. Der Beschwerdeführer kann somit auf die regelmäßigen Einnahmen durch den Verkauf der Ernte sowie auf das vorhandene Vermögen durch seine Familie zurückgreifen. Darüber hinaus ist den Länderberichten zu entnehmen, dass die Großfamilie die zentrale soziale Institution in Afghanistan bildet und zu Schutz, Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder beiträgt sowie eine wirtschaftliche Einheit bildet, in der die Männer der Familie verpflichtet sind, die Mitglieder der Großfamilie zu unterstützen (vgl. Punkt II.1.5.). Die Angaben des Beschwerdeführers in der Beschwerdeverhandlung, wonach er mit keinerlei Unterstützung durch seine Brüder rechnen kann, weil sie dadurch mehr Probleme bekommen würden und sein Bruder nicht mit ihm zusammenwohnen habe wollen (OZ 23 Seite 9), sind vor dem Hintergrund der Länderfeststellungen und wie bereits unter Punkt II.2.1. ausgeführt nicht glaubhaft. Der Beschwerdeführer kann daher im Falle seiner Rückkehr nach Afghanistan mit finanzieller Unterstützung durch seine in der Stadt XXXX lebenden zwei ältesten Brüder rechnen.

 

Dass der Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr nach Afghanistan zumindest anfänglich mit finanzieller Unterstützung durch die Familie seiner Verlobten rechnen kann, ergibt sich aus seiner Aussage in der Beschwerdeverhandlung, wonach die Familie seiner Verlobten bereit sei ihn in jeder Hinsicht zu unterstützen (OZ 23 Seite 9).

 

Der Beschwerdeführer hat 12 Jahre die Schule besucht und abgeschlossen sowie Computer- und Englischkurse absolviert. Der Beschwerdeführer verfügt daher über eine gute Ausbildung. Dazu hat der Beschwerdeführer in Österreich Dolmetschertätigkeiten, Hausmeistertätigkeiten und Arbeiten für die Gemeinde erbracht. Der Beschwerdeführer ist daher grundsätzlich in der Lage sich schnell zu Recht zu finden und sich an neue Situationen anzupassen.

 

Der Beschwerdeführer ist zudem im erwerbsfähigen Alter, gesund, volljährig und arbeitsfähig. Der Beschwerdeführer hat keine Sorgepflichten.

 

Das Gericht geht daher auf Grund dieser Umstände davon aus, dass sich der Beschwerdeführer nach anfänglichen Schwierigkeiten, in Kabul niederlassen und sich dort eine Existenz ohne unbillige Härte aufbauen könnte.

 

3. Rechtliche Beurteilung:

 

Zu A)

 

3.1 Spruchpunkt I. des angefochtenen Bescheides - Nichtzuerkennung des Status des Asylberechtigten

 

3.1.1. Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG ist einem Fremden, der in Österreich einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, der Status des Asylberechtigten zuzuerkennen, wenn glaubhaft ist, dass ihm im Herkunftsstaat Verfolgung iSd Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK droht (vgl. auch die Verfolgungsdefinition in § 2 Abs. 1 Z 11 AsylG, die auf Art. 9 der Statusrichtlinie verweist).

 

Flüchtling im Sinne des Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK ist, wer sich aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen Überzeugung, außerhalb seines Heimatlandes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, sich des Schutzes dieses Landes zu bedienen; oder der staatenlos ist, sich außerhalb des Landes seines gewöhnlichen Aufenthaltes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, in dieses Land zurückzukehren.

 

Nach der ständigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ist zentraler Aspekt der in Art. 1 Abschnitt A Z 2 der GFK definierten Verfolgung im Herkunftsstaat die wohlbegründete Furcht davor. Eine Furcht kann nur dann wohlbegründet sein, wenn sie im Licht der speziellen Situation des Asylwerbers unter Berücksichtigung der Verhältnisse im Verfolgerstaat objektiv nachvollziehbar ist. Es kommt nicht darauf an, ob sich eine bestimmte Person in einer konkreten Situation tatsächlich fürchtet, sondern ob sich eine mit Vernunft begabte Person in dieser Situation aus Konventionsgründen fürchten würde (VwGH vom 05.09.2016, Ra 2016/19/0074). Die begründete Furcht einer Person vor Verfolgung muss zudem in kausalem Zusammenhang mit einem oder mehreren Konventionsgründen stehen (VwGH vom 22.03.2017, Ra 2016/19/0350).

 

Unter Verfolgung ist ein ungerechtfertigter Eingriff von erheblicher Intensität in die zu schützende persönliche Sphäre des Einzelnen zu verstehen. Erhebliche Intensität liegt vor, wenn der Eingriff geeignet ist, die Unzumutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes des Heimatstaates zu begründen. Eine Verfolgungsgefahr ist dann anzunehmen, wenn eine Verfolgung mit einer maßgeblichen Wahrscheinlichkeit droht; die entfernte Möglichkeit einer Verfolgung genügt nicht (VwGH 10.11.2015, Ra 2015/19/0185, VwGH vom 05.09.2016, Ra 2016/19/0074).

 

Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes kommt einer von Privatpersonen bzw. privaten Gruppierungen ausgehenden, auf einem Konventionsgrund beruhenden Verfolgung Asylrelevanz dann zu, wenn der Staat nicht gewillt oder nicht in der Lage ist, diese Verfolgungshandlungen hintanzuhalten. Auch eine auf keinem Konventionsgrund beruhende Verfolgung durch Private hat aber asylrelevanten Charakter, wenn der Heimatstaat des Betroffenen aus den in Art. 1 Abschnitt A Z 2 der GFK genannten Gründen nicht bereit ist, Schutz zu gewähren (VwGH vom 08.09.2015, Ra 2015/18/0010)

 

Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes kann die Gefahr der Verfolgung im Sinne des § 3 Abs. 1 AsylG in Verbindung mit Art. 1 Abschnitt A Z 2 der GFK nicht ausschließlich aus individuell gegenüber dem Einzelnen gesetzten Verfolgungshandlungen abgeleitet werden. Droht den Angehörigen bestimmter Personengruppen eine über die allgemeinen Gefahren eines Bürgerkriegs hinausgehende "Gruppenverfolgung", hat bei einer solchen, gegen eine ganze Personengruppe gerichteten Verfolgung jedes einzelne Mitglied schon wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser Gruppe Grund, auch individuell gegen seine Person gerichtete Verfolgung zu befürchten; diesfalls genügt für die geforderte Individualisierung einer Verfolgungsgefahr die Glaubhaftmachung der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe (VwGH vom 21.02.2017, Ra 2016/18/0171).

 

Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG liegt es am Beschwerdeführer, entsprechend glaubhaft zu machen, dass ihm im Herkunftsstaat eine Verfolgung iSd Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK droht. Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofs ist der Begriff der "Glaubhaftmachung" im AVG oder in den Verwaltungsvorschriften iSd Zivilprozessordnung (ZPO) zu verstehen. Es genügt daher diesfalls, wenn der Beschwerdeführer die Behörde von der (überwiegenden) Wahrscheinlichkeit des Vorliegens der zu bescheinigenden Tatsachen überzeugt. Diesen trifft die Obliegenheit zu einer erhöhten Mitwirkung, dh er hat zu diesem Zweck initiativ alles vorzubringen, was für seine Behauptung spricht (Hengstschläger/Leeb, AVG, § 45, Rz 3). Die "Glaubhaftmachung" wohlbegründeter Furcht setzt positiv getroffene Feststellungen seitens der Behörde und somit die Glaubwürdigkeit der "hierzu geeigneten Beweismittel", insbesondere des diesen Feststellungen zugrunde liegenden Vorbringens des Asylwerbers voraus (VwGH 19.03.1997, 95/01/0466).

 

Relevant kann darüber hinaus nur eine aktuelle Verfolgungsgefahr sein, diese muss im Entscheidungszeitpunkt vorliegen. Auf diesen Zeitpunkt hat die der Asylentscheidung immanente Prognose abzustellen, ob der Asylwerber mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit eine Verfolgung aus den in Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK genannten Gründen zu befürchten habe (VwGH 19.10.2000, 98/20/0233).

 

3.1.2. Es konnte jedoch keine Verfolgung durch die Taliban oder durch andere Personen festgestellt werden. Weder der Beschwerdeführer noch seine Familie wurden jemals in Afghanistan bedroht. Es ist daher keine Verfolgung des Beschwerdeführers und auch keine Verfolgungsgefahr aus einem Konventionsgrund erkennbar.

 

Auch die Durchsicht der aktuellen Länderberichte zur Herkunftsregion des Beschwerdeführers erlaubt es nicht anzunehmen, dass gegenständlich sonstige mögliche Gründe für die Befürchtung einer entsprechenden Verfolgungsgefahr vorliegen.

 

Sohin kann nicht erkannt werden, dass dem Beschwerdeführer aus den von ihm ins Treffen geführten Gründen im Herkunftsstaat eine asylrelevante Verfolgung droht.

 

3.1.3. Die Beschwerde gegen Spruchpunkt I. des angefochtenen Bescheides war daher gemäß § 3 Abs. 1 AsylG als unbegründet abzuweisen.

 

3.2 Spruchpunkt II. des angefochtenen Bescheides - Nichtzuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten

 

3.2.1. Wird ein Antrag auf internationalen Schutz in Bezug auf die Zuerkennung des Status eines Asylberechtigten abgewiesen, so ist dem Fremden gemäß § 8 Abs. 1 Z 1 AsylG der Status des subsidiär Schutzberechtigten zuzuerkennen, wenn eine Zurückweisung, Zurückschiebung oder Abschiebung des Fremden in den Herkunftsstaat eine reale Gefahr einer Verletzung von Art. 2 EMRK, Art. 3 EMRK oder der Protokolle Nr. 6 oder Nr. 13 zur Konvention bedeuten würde oder für ihn als Zivilperson eine ernsthafte Bedrohung des Lebens oder der Unversehrtheit infolge willkürlicher Gewalt im Rahmen eines internationalen oder innerstaatlichen Konfliktes mit sich bringen würde. Gemäß Art. 2 EMRK wird das Recht jedes Menschen auf das Leben gesetzlich geschützt. Gemäß Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Die Protokolle Nr. 6 und Nr. 13 zur Konvention betreffen die Abschaffung der Todesstrafe.

 

Unter realer Gefahr in diesem Sinne ist eine ausreichend reale, nicht nur auf Spekulationen gegründete Gefahr ("a sufficiently real risk") möglicher Konsequenzen für den Betroffenen im Zielstaat zu verstehen (VwGH vom 19.02.2004, 99/20/0573). Es müssen stichhaltige Gründe für die Annahme sprechen, dass eine Person einem realen Risiko einer unmenschlichen Behandlung ausgesetzt wäre und es müssen konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass gerade die betroffene Person einer derartigen Gefahr ausgesetzt sein würde. Die bloße Möglichkeit eines realen Risikos oder Vermutungen, dass der Betroffene ein solches Schicksal erleiden könnte, reichen nicht aus (VwGH vom 26.04.2017, Ra 2017/19/0016).

 

Herrscht im Herkunftsstaat eines Asylwerbers eine prekäre allgemeine Sicherheitslage, in der die Bevölkerung durch Akte willkürlicher Gewalt betroffen ist, so liegen stichhaltige Gründe für die Annahme eines realen Risikos bzw. für die ernsthafte Bedrohung von Leben oder Unversehrtheit eines Asylwerbers bei Rückführung in diesen Staat dann vor, wenn diese Gewalt ein solches Ausmaß erreicht hat, dass es nicht bloß möglich, sondern geradezu wahrscheinlich scheint, dass auch der betreffende Asylwerber tatsächlich Opfer eines solchen Gewaltaktes sein wird. Davon kann in einer Situation allgemeiner Gewalt nur in sehr extremen Fällen ausgegangen werden, wenn schon die bloße Anwesenheit einer Person in der betroffenen Region Derartiges erwarten lässt. Davon abgesehen können nur besondere in der persönlichen Situation eines Asylwerbers begründete Umstände dazu führen, dass gerade bei ihm ein - im Vergleich zur Bevölkerung des Herkunftsstaats im Allgemeinen - höheres Risiko besteht, einer dem Art. 2 oder 3 EMRK widersprechenden Behandlung ausgesetzt zu sein bzw. eine ernsthafte Bedrohung des Lebens oder der Unversehrtheit befürchten zu müssen (VwGH vom 21.02.2017, Ra 2016/18/0137; VwGH vom 25.04.2017 Ra 2017/01/0016).

 

Es obliegt grundsätzlich der abschiebungsgefährdeten Person, mit geeigneten Beweisen gewichtige Gründe für die Annahme eines Risikos nachzuweisen, dass ihr im Falle der Durchführung einer Rückführungsmaßnahme eine dem Art. 3 EMRK widersprechende Behandlung drohen würde. Es reicht für den Asylwerber nicht aus, sich bloß auf eine allgemein schlechte Sicherheits- und Versorgungslage in Afghanistan zu berufen (VwGH vom 25.04.2017, Ra 2017/01/0016; VwGH vom 25.04.2017, Ra 2016/01/0307; VwGH vom 23.02.2016, Ra 2015/01/0134).

 

Die allgemeine Situation in Afghanistan ist nicht so gelagert, dass schon alleine die Rückkehr eines Asylwerbers dorthin eine ernsthafte Bedrohung für die durch Art. 3 EMRK geschützten Rechte bedeuten würde (vgl. EGMR 09.04.2013, Nr. 70073/10 und 44539/11 H. und B./Vereinigtes Königreich, sowie zuletzt die Urteile vom 12.01.2016, jeweils gegen Niederlande: S.D.M., Nr. 8161/07; A.G.R., Nr. 13442/08; A.W.Q. und D.H., Nr. 25077/06; S.S., Nr. 39575/06; M.R.A. ua., Nr. 46856/07). Trotz der weiterhin als instabil bezeichneten Sicherheitslage ist eine Rückkehr nach Afghanistan, insbesondere nach Kabul, im Hinblick auf die regional und sogar innerhalb der Provinzen von Distrikt zu Distrikt unterschiedliche Sicherheitslage als nicht grundsätzlich ausgeschlossen zu betrachten (vgl. VwGH 10.08.2017, Ra 2016/20/0369). Die allgemeine Situation in Afghanistan steht daher als solche einer Rückführung eines Asylwerbers im Hinblick auf Art. 3 EMRK nicht entgegen (VwGH 25.04.2017, Ra 2016/01/0307, mwN).

 

Für die zur Prüfung der Notwendigkeit von subsidiärem Schutz erforderliche Gefahrenprognose ist bei einem nicht landesweiten bewaffneten Konflikt auf den tatsächlichen Zielort des Asylwerbers bei seiner Rückkehr abzustellen. Dies ist in der Regel seine Herkunftsregion, in die er typischerweise zurückkehren wird (vgl. EuGH 17.02.2009, C-465/07, Elgafaji; VfGH 13.09.2013, U370/2012; VwGH 12.11.2014, Ra 2014/20/0029).

 

Die Herkunftsregion des Beschwerdeführers ist volatil. Aus diesem Grund könnte eine allfällige Rückführung des Beschwerdeführers in diese Region für ihn mit einer ernstzunehmenden Gefahr für Leib und Leben verbunden sein, weshalb ihm eine Rückkehr dorthin nicht möglich ist.

 

3.2.2. Gemäß § 8 Abs. 3 AsylG sind Anträge auf internationalen Schutz bezüglich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten abzuweisen, wenn eine innerstaatliche Fluchtalternative (§ 11 AsylG) offen steht.

 

Zu prüfen bleibt daher, ob der Beschwerdeführer gemäß § 11 Abs. 2 AsylG auf eine andere Region des Landes - nämlich die Stadt Kabul - aufgrund der dortigen allgemeinen Gegebenheiten und seiner persönlichen Umstände verwiesen werden kann (VfGH 11.10.2012, U677/12).

 

3.2.2.1. Für die Prüfung einer innerstaatlichen Fluchtalternative sind zwei getrennte und selbständige Voraussetzungen zu prüfen. Zum einen ist zu klären, ob in dem als innerstaatliche Fluchtalternative ins Auge gefassten Gebiet Schutz vor asylrechtlich relevanter Verfolgung und vor Bedingungen, die nach § 8 Abs. 1 AsylG die Gewährung von subsidiären Schutz rechtfertigen würden, gegeben ist. Daher scheidet das ins Auge gefasste Gebiet aus, wenn in dieser Region Verhältnisse herrschen, die Art. 3 EMRK widersprechen. Von dieser Frage ist getrennt zu beurteilen, ob dem Asylwerber der Aufenthalt in diesem Gebiet zugemutet werden kann, bzw. dass vom ihm vernünftigerweise erwartet werden kann, sich in dem betreffenden Gebiet niederzulassen (VwGH vom 23.01.2018, Ra 2018/18/0001).

 

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass entsprechend der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes der Frage der Sicherheit des Asylwerbers in dem als innerstaatliche Fluchtalternative geprüften Gebiet wesentliche Bedeutung zukommt. Es muss mit ausreichender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden können, dass der Asylwerber in dem ins Auge gefassten Gebiet Schutz vor asylrechtlich relevanter Verfolgung und vor Bedingungen, die nach § 8 Abs. 1 AsylG die Gewährung von subsidiären Schutz rechtfertigen würden, findet.

 

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so wird dem Asylwerber unter dem Aspekt der Sicherheit regelmäßig auch die Inanspruchnahme der innerstaatlichen Fluchtalternative zuzumuten sein. Um von einer zumutbaren innerstaatlichen Fluchtalternative sprechen zu können, muss es möglich sein, im Gebiet der innerstaatlichen Fluchtalternative nach allfälligen anfänglichen Schwierigkeiten Fuß zu fassen und dort ein Leben ohne unbillige Härten zu führen, wie es auch andere Landsleute des Asylwerbers führen können (VwGH 23.01.2018, Ra 2018/18/0001).

 

3.2.2.2. Ob dem Asylwerber ein Aufenthalt in einem bestimmten Gebiet des Herkunftsstaates zugemutet werden kann, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu müssen die persönlichen Umstände des Betroffenen, die Sicherheit, die Achtung der Menschenrechte und die Aussichten auf wirtschaftliches Überleben in diesem Gebiet beurteilt werden. Ein voraussichtlich niedrigerer Lebensstandard oder eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation sind keine ausreichenden Gründe, um ein vorgeschlagenes Gebiet als unzumutbar abzulehnen. Die Verhältnisse in dem Gebiet müssen aber ein für das betreffende Land relativ normales Leben ermöglichen (VwGH vom 30.01.2018 Ra 2018/18/0001).

 

Nach der Rechtsprechung des VwGH reicht eine schwierige Lebenssituation (bei der Arbeitsplatz- und Wohnraumsuche sowie in wirtschaftlicher Hinsicht), die ein Asylwerber bei Rückführung in das als innerstaatliche Fluchtalternative geprüfte Gebiet vorfinden würde, für sich betrachtet nicht aus, um eine innerstaatliche Fluchtalternative zu verneinen. Mit Bezug auf die Verhältnisse in Afghanistan, könne es zwar zutreffen, dass ein alleinstehender Rückkehrer ohne familiären Rückhalt und ohne finanzielle Unterstützung in der afghanischen Hauptstadt Kabul (anfangs) mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert sei. Soweit es sich aber um einen jungen und gesunden Mann, der über Schulbildung und Berufserfahrung verfüge, handle, sei - auf der Grundlage der allgemeinen Länderfeststellungen zur Lage im Herkunftsstaat - nicht zu erkennen, dass eine Neuansiedlung in Kabul nicht zugemutet werden könne. Dies stehe auch im Einklang mit der Einschätzung der UNHCR-Richtlinien zur Feststellung des Internationalen Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender vom 19.04.2016, denen zufolge es alleinstehenden, leistungsfähigen Männern im berufsfähigen Alter ohne spezifische Vulnerabilität möglich ist, auch ohne Unterstützung durch die Familie in urbaner Umgebung zu leben (VwGH vom 23.01.2018 2018/18/0001; VwGH vom 8.8.2017, Ra 2017/19/0118; VwGH 19.06.2017, Ra 2017/19/0095; VwGH vom 08.09.2016, Ra 2016/20/0063). Eine schwierige Lebenssituation für den Asylwerber im Fall seiner Rückführung in den Herkunftsstaat, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, primär gestützt auf mangelnde tragfähige Beziehungen und/oder fehlende Ortskenntnisse in Großstädten, oder eine schwierige Situation bei der Wohnraum- oder Arbeitsplatzsuche, reicht nicht aus, um eine reale Gefahr existenzbedrohender Verhältnisse und somit eine Verletzung des Art. 3 EMRK zu begründen bzw. die Voraussetzungen zur Erlangung von subsidiärem Schutz glaubhaft zu machen. Auch eine fehlende Schul- und Berufsausbildung bzw. -erfahrung stellen im Fall einer Rückkehr keine exzeptionellen Umstände dar (VwGH vom 08.09.2016, Ra 2016/20/0063; 18.03.2016, Ra 2015/01/0255; 23.03.2017, Ra 2016/20/0188; 10.03.2017, Ra 2017/18/0064; 25.04.2017, Ra 2017/01/0016; 25.05.2016, Ra 2016/19/0036; 20.06.2017 Ra 2017/01/0023; 08.08.2017, Ra 2017/19/0118; 10.08.2017, Ra 2016/20/369; 20.09.2017, Ra 2017/19/0190; 05.12.2017, Ra 2017/01/0236; 30.01.2018, Ra 2017/20/0406; vgl. dazu auch - unter Berücksichtigung des entscheidungsrelevanten Sachverhaltes - VfGH 12.12.2017, E 2068/2017-7).

 

Der EGMR geht gestützt auf die Afghanistan-Richtlinien des UNHCR davon aus, dass die Übersiedlung in einen anderen Teil Afghanistans zumutbar ist, wenn Schutz durch die eigene Großfamilie, Gemeinschaft oder den Stamm am Zielort verfügbar ist; alleinstehenden Männern und Kleinfamilien ist es unter bestimmten Umständen auch möglich, ohne Unterstützung durch Familie und Gemeinschaft in städtischen oder halbstädtischen Gebieten mit existenter Infrastruktur und unter effektiver staatlicher Kontrolle zu überleben. Wegen des Zusammenbruchs des traditionellen sozialen Zusammenhalts in Afghanistan, der durch jahrzehntelange Kriege, massive Flüchtlingsströme und Landflucht verursacht worden ist, ist aber eine Prüfung jedes einzelnen Falles notwendig (VfGH 13.09.2013, U 370/2012 mit Verweis auf EGMR, 13.10.2011, Fall Husseini, App. 10.611/09, Z 96; 09.04.2013, Fall H. und B., Appl. 70.073/10 und 44.539/11, Z 45 und 114). Auch der Verfassungsgerichtshof hat in einem jüngst ergangenen Erkenntnis ausgesprochen, dass einem gesunden Asylwerber im erwerbsfähigen Alter, der eine der Landessprachen Afghanistans beherrsche, mit den kulturellen Gepflogenheiten seines Herkunftsstaates vertraut ist und die Möglichkeit habe, sich durch Gelegenheitstätigkeiten eine Existenzgrundlage zu sichern, die Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative in Kabul zugemutet werden könne, und zwar selbst dann, wenn er - wie im entschiedenen Fall - nicht in Afghanistan geboren worden sei, dort nie gelebt und keine Angehörigen in Afghanistan habe, sondern im Iran aufgewachsen und dort in die Schule gegangen sei (VfGH vom 12.12.2017, E 2068/2017).

 

3.2.2.3. Ob eine innerstaatliche Fluchtalternative möglich und zumutbar ist, erfordert eine Beurteilung der allgemeinen Gegebenheiten im Herkunftsstaat und der persönlichen Umstände des Asylwerbers. Es handelt sich letztlich um eine Entscheidung im Einzelfall, wobei die zu erwartende Lage des Asylwerbers in dem in Frage kommenden Gebiet sowie dessen sichere und legale Erreichbarkeit zu prüfen ist (vgl. dazu VwGH 8.8.2017, Ra 2017/19/0118, mwN).

 

3.2.3. Für den vorliegenden Fall ist daher Folgendes festzuhalten:

 

Trotz der weiterhin als instabil zu bezeichnenden allgemeinen Sicherheitslage scheint eine Rückkehr nach Afghanistan im Hinblick auf die regional und sogar innerhalb der Provinzen von Distrikt zu Distrikt unterschiedliche Sicherheitslage nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Der Beschwerdeführer kann nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichtes, unter Berücksichtigung der von UNHCR aufgestellten Kriterien für das Bestehen einer internen Schutzalternative für Afghanistan, in zumutbarer Weise auf die Übersiedlung in andere Landesteile Afghanistans, konkret in die Hauptstadt Kabul, verwiesen werden:

 

Was die Sicherheitslage betrifft, wird seitens des erkennenden Gerichts im Hinblick auf die Länderfeststellungen zwar nicht verkannt, dass die Situation (auch) in der Stadt Kabul nach wie vor angespannt ist. Dennoch ist festzuhalten, dass die afghanische Regierung die Kontrolle über Kabul, größere Transitrouten, Provinzhauptstädte und fast alle Distriktszentren hat. Darüber hinaus ist Kabul eine über den Luftweg aufgrund des vorhandenen Flughafens sicher erreichbare Stadt.

 

Aus dem vorliegenden Berichtsmaterial geht hervor, dass Anschläge, insbesondere auf Einrichtungen mit Symbolcharakter, in Kabul nicht auszuschließen sind und in unregelmäßigen Abständen auch stattfinden. Hierzu ist auszuführen, dass die weltweit zu verzeichnende Zunahme von Terroranschlägen für sich alleine betrachtet noch nicht die Schlussfolgerung zu tragen vermag, dass die Ausweisung in einen von Terroranschlägen betroffenen Staat automatisch gegen Art. 3 EMRK verstoßen würde bzw. für den Betroffenen unzumutbar wäre. Die in der Stadt Kabul verzeichneten Anschläge ereignen sich hauptsächlich im Nahebereich staatlicher Einrichtungen und richten sich mehrheitlich gezielt gegen die Regierung und internationale Organisationen. Die genannten Gefährdungsquellen sind in reinen Wohngebieten nicht anzunehmen, weshalb die Sicherheitslage in der Stadt Kabul nach wie vor als ausreichend sicher zu bewerten ist.

 

Auch wenn die Verwirklichung grundlegender sozialer und wirtschaftlicher Bedürfnisse, wie etwa der Zugang zu Arbeit, Nahrung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung häufig nur sehr eingeschränkt möglich ist, so ist die Versorgung der afghanischen Bevölkerung in Kabul dennoch zumindest grundlegend gesichert.

 

Laut den oben auszugsweise wiedergegebenen Richtlinien des UNHCR müssen die schlechten Lebensbedingungen sowie die prekäre Menschenrechtslage von intern vertriebenen afghanischen Staatsangehörigen bei der Prüfung der Zumutbarkeit einer innerstaatlichen Fluchtalternative berücksichtigt werden, wobei angesichts des Zusammenbruchs des traditionellen sozialen Gefüges der Gesellschaft auf Grund jahrzehntelang währender Kriege, massiver Flüchtlingsströme und interner Vertreibung hierfür jeweils eine Einzelfallprüfung notwendig ist (zur Indizwirkung von UNHCR-Richtlinien vgl. u.a. VwGH 10.12.2014, Ra 2014/18/0103).

 

Wie festgestellt wurde, ist der Beschwerdeführer gesund sowie im erwerbsfähigen Alter. Er verfügt über einen Schulabschluss und hat an Computer- und Englischkursen teilgenommen. Der Beschwerdeführer verfügt in Kabul über keine sozialen bzw. familiären Anknüpfungspunkte, er hat jedoch zumindest grundlegende Ortskenntnisse von Kabul, so dass ihm eine städtische Struktur nicht gänzlich unbekannt ist. Zudem hat er den überwiegenden Teil seines Lebens in Afghanistan verbracht, wodurch er mit den kulturellen Gepflogenheiten seines Herkunftsstaates vertraut ist. Er spricht Paschtu, eine der Landessprachen Afghanistans, als Muttersprache.

 

Des Weiteren verfügt der Beschwerdeführer nach wie vor über seine sechs Geschwister in Afghanistan. Er steht mit seinen Brüdern auch in regelmäßigem Kontakt und kann zumindest anfänglich mit finanzieller Unterstützung seiner zwei ältesten Brüder rechnen. Die Familie des Beschwerdeführers verfügt noch über ein Haus und landwirtschaftlich genutzte Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jilibs im Heimatdorf des Beschwerdeführers. Der Beschwerdeführer könnte daher auch auf die Einnahmen durch den Verkauf der Ernte sowie das vorhandene Vermögen durch seine Familie zurückgreifen.

 

Weiters kann der Beschwerdeführer mit Unterstützung durch die Familie seiner Verlobten rechnen. Es ist auch nicht ersichtlich, weshalb eine räumliche Trennung die Brüder des Beschwerdeführers bzw. die Familie der Verlobten des Beschwerdeführers außer Stande setzen sollte, ihn finanziell zu unterstützen.

 

Darüber hinaus kann der Beschwerdeführer durch die Inanspruchnahme von österreichischer Rückkehrhilfe zumindest übergangsweise in Kabul das Auslangen finden, weshalb auch nicht zu befürchten ist, dass er bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr und noch bevor er in der Lage wäre, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen, in eine existenzbedrohende bzw. wirtschaftlich ausweglose Lage geraten könnte.

 

Dem Beschwerdeführer ist es daher aufgrund der dargelegten Umstände auch ohne unmittelbar in Kabul bestehende familiäre Anknüpfungspunkte möglich, sich dort - etwa auch durch Hilfs- und Gelegenheitsarbeiten, wobei dem Beschwerdeführer seine Schulausbildung und Fortbildung durch Computer- und Englischkurse zu Gute kommt - eine Existenz aufzubauen und diese zu sichern. Der Beschwerdeführer gehört auch keinem Personenkreis an, von dem anzunehmen ist, dass er sich in Bezug auf die individuelle Versorgungslage qualifiziert schutzbedürftiger darstellt als die übrige Bevölkerung, die ebenfalls für ihre Existenzsicherung aufkommen kann. Es gibt somit keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer in Ansehung existentieller Grundbedürfnisse (z.B. Nahrung, Unterkunft) einer ausweglosen bzw. existenzbedrohenden Situation ausgesetzt wäre.

 

Der Beschwerdeführer hat auch nicht mit geeigneten Beweisen gewichtige Gründe für die Annahme eines Risikos dargelegt, dass gerade ihm im Falle einer Rückführungsmaßnahme eine Art. 3 EMRK widersprechende Behandlung drohen würde (VwGH 19.0.2017, Ra 2017/19/0095).

 

3.2.4. Die Angaben des Beschwerdeführers legen eine Exzeptionalität der Umstände oder eine konkrete Betroffenheit nicht dar:

 

Ziel des Refoulementschutzes ist es nicht, Menschen vor unangenehmen Lebenssituationen, wie es die Rückkehr nach Afghanistan sein kann, zu beschützen, sondern einzig und allein Schutz vor exzeptionellen Lebenssituationen zu geben. Der Beschwerdeführer hat für seinen Einzelfall keine individuellen, konkret seine Person treffenden exzeptionellen Umstände aufgezeigt bzw. diese glaubhaft gemacht.

 

3.2.5. Unter Berücksichtigung der Länderberichte und der persönlichen Situation des Beschwerdeführers ist in einer Gesamtbetrachtung nicht zu erkennen, dass er im Fall seiner Abschiebung nach Afghanistan und einer Ansiedlung in der Stadt Kabul in eine ausweglose Lebenssituation geraten und real Gefahr laufen würde, eine Verletzung seiner durch Art. 2 EMRK, Art. 3 EMRK oder der durch die Protokolle Nr. 6 oder Nr. 13 zur Konvention geschützten Rechte zu erleiden. Es liegen keine exzeptionellen Gründe vor, die einer Ansiedlung in der Stadt Kabul entgegenstehen würden. Die Prüfung der maßgeblichen Kriterien führt im konkreten Fall zu dem Ergebnis, dass dem Beschwerdeführer eine Ansiedlung in der Stadt Kabul möglich und auch zumutbar ist.

 

3.2.4. Die Beschwerde betreffend Spruchpunkt II. des angefochtenen Bescheides war daher abzuweisen.

 

3.3. Spruchpunkt III. des angefochtenen Bescheides - Rückkehrentscheidung und Zulässigkeit der Abschiebung

 

Gemäß § 10 Abs. 1 Z 3 AsylG ist eine Entscheidung nach diesem Bundesgesetz mit einer Rückkehrentscheidung oder einer Anordnung zur Außerlandesbringung gemäß dem 8. Hauptstück des FPG zu verbinden, wenn der Antrag auf internationalen Schutz sowohl bezüglich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten als auch der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten abgewiesen wird und von Amts wegen ein Aufenthaltstitel gemäß § 57 AsylG nicht erteilt wird.

 

3.3.1. Aufenthaltsberechtigung besonderer Schutz gemäß § 57 Abs. 1 AsylG

 

Gemäß § 57 Abs. 1 AsylG ist im Bundesgebiet aufhältigen Drittstaatsangehörigen von Amts wegen oder auf begründeten Antrag eine "Aufenthaltsberechtigung besonderer Schutz" zu erteilen:

 

1. wenn der Aufenthalt des Drittstaatsangehörigen im Bundesgebiet gemäß § 46a Abs. 1 Z 1 oder Z 3 FPG seit mindestens einem Jahr geduldet ist und die Voraussetzungen dafür weiterhin vorliegen,

(...)

 

2. zur Gewährleistung der Strafverfolgung von gerichtlich strafbaren Handlungen oder zur Geltendmachung und Durchsetzung von zivilrechtlichen Ansprüchen im Zusammenhang mit solchen strafbaren Handlungen, insbesondere an Zeugen oder Opfer von Menschenhandel oder grenzüberschreitendem Prostitutionshandel oder

 

3. wenn der Drittstaatsangehörige, der im Bundesgebiet nicht rechtmäßig aufhältig oder nicht niedergelassen ist, Opfer von Gewalt wurde, eine einstweilige Verfügung nach §§ 382b oder 382e EO erlassen wurde oder erlassen hätte werden können und der Drittstaatsangehörige glaubhaft macht, dass die Erteilung der "Aufenthaltsberechtigung besonderer Schutz" zum Schutz vor weiterer Gewalt erforderlich ist.

 

Die Voraussetzungen für die Erteilung eines Aufenthaltstitels gemäß § 57 AsylG liegen nicht vor, weil der Aufenthalt des Beschwerdeführers weder seit mindestens einem Jahr gemäß § 46a Abs. 1 Z 1 oder Z 3 FPG geduldet ist, noch zur Gewährleistung der Strafverfolgung von gerichtlich strafbaren Handlungen oder zur Geltendmachung und Durchsetzung von zivilrechtlichen Ansprüchen im Zusammenhang mit solchen strafbaren Handlungen notwendig ist noch der Beschwerdeführer Opfer von Gewalt iSd § 57 Abs. 1 Z 3 FPG wurde. Weder hat der Beschwerdeführer das Vorliegen eines der Gründe des § 57 FPG behauptet, noch kam ein Hinweis auf das Vorliegen eines solchen Sachverhaltes im Ermittlungsverfahren hervor.

 

3.3.2. Rückkehrentscheidung gemäß § 52 Abs. 2 Z 2 FPG

 

Gemäß § 52 Abs. 2 Z 2 FPG hat das Bundesamt gegen einen Drittstaatsangehörigen unter einem (§ 10 AsylG) mit Bescheid eine Rückkehrentscheidung zu erlassen, wenn dessen Antrag auf internationalen Schutz sowohl bezüglich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten als auch der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten abgewiesen wird und ihm kein Aufenthaltsrecht nach anderen Bundesgesetzen zukommt. Dies gilt nicht für begünstigte Drittstaatsangehörige.

 

3.3.2.1. Gemäß § 58 Abs. 2 AsylG ist die Erteilung eines Aufenthaltstitels gemäß § 55 AsylG von Amts wegen zu prüfen, wenn die Rückkehrentscheidung aufgrund des § 9 Abs. 1 bis 3 BFA-VG auf Dauer für unzulässig erklärt wird.

 

Voraussetzung für die Erteilung eines Aufenthaltstitels gemäß § 55 AsylG ist, dass dies gemäß § 9 Abs. 2 BFA-VG zur Aufrechterhaltung des Privat- und Familienlebens iSd Art. 8 EMRK geboten ist. Nur bei Vorliegen dieser Voraussetzung kommt ein Abspruch über einen Aufenthaltstitel nach § 55 AsylG überhaupt in Betracht (VwGH 12.11.2015, Ra 2015/21/0101).

 

§ 9 Abs. 1 bis 3 BFA-VG lautet:

 

(1) Wird durch eine Rückkehrentscheidung gemäß § 52 FPG, eine Anordnung zur Außerlandesbringung gemäß § 61 FPG, eine Ausweisung gemäß § 66 FPG oder ein Aufenthaltsverbot gemäß § 67 FPG in das Privat- oder Familienleben des Fremden eingegriffen, so ist die Erlassung der Entscheidung zulässig, wenn dies zur Erreichung der im Art. 8 Abs. 2 EMRK genannten Ziele dringend geboten ist.

 

(2) Bei der Beurteilung des Privat- und Familienlebens im Sinne des Art. 8 EMRK sind insbesondere zu berücksichtigen:

 

1. die Art und Dauer des bisherigen Aufenthaltes und die Frage, ob der bisherige Aufenthalt des Fremden rechtswidrig war,

 

2. das tatsächliche Bestehen eines Familienlebens,

 

3. die Schutzwürdigkeit des Privatlebens,

 

4. der Grad der Integration,

 

5. die Bindungen zum Heimatstaat des Fremden,

 

6. die strafgerichtliche Unbescholtenheit,

 

7. Verstöße gegen die öffentliche Ordnung, insbesondere im Bereich des Asyl-, Fremdenpolizei- und Einwanderungsrechts,

 

8. die Frage, ob das Privat- und Familienleben des Fremden in einem Zeitpunkt entstand, in dem sich die Beteiligten ihres unsicheren Aufenthaltsstatus bewusst waren,

 

9. die Frage, ob die Dauer des bisherigen Aufenthaltes des Fremden in den Behörden zurechenbaren überlangen Verzögerungen begründet ist.

 

(3) Über die Zulässigkeit der Rückkehrentscheidung gemäß § 52 FPG ist jedenfalls begründet, insbesondere im Hinblick darauf, ob diese gemäß Abs. 1 auf Dauer unzulässig ist, abzusprechen. Die Unzulässigkeit einer Rückkehrentscheidung gemäß § 52 FPG ist nur dann auf Dauer, wenn die ansonsten drohende Verletzung des Privat- und Familienlebens auf Umständen beruht, die ihrem Wesen nach nicht bloß vorübergehend sind. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Rückkehrentscheidung gemäß § 52 FPG schon allein auf Grund des Privat- und Familienlebens im Hinblick auf österreichische Staatsbürger oder Personen, die über ein unionsrechtliches Aufenthaltsrecht oder ein unbefristetes Niederlassungsrecht (§§ 45 und 48 oder §§ 51 ff NAG) verfügen, unzulässig wäre.

 

3.3.2.2. Gemäß Art. 8 Abs. 1 EMRK hat jedermann Anspruch auf Achtung seines Privat- und Familienlebens, seiner Wohnung und seines Briefverkehrs. Gemäß Art. 8 Abs. 2 EMRK ist der Eingriff einer öffentlichen Behörde in die Ausübung dieses Rechts nur statthaft, insoweit dieser Eingriff gesetzlich vorgesehen ist und eine Maßnahme darstellt, die in einer demokratischen Gesellschaft für die nationale Sicherheit, die öffentliche Ruhe und Ordnung, das wirtschaftliche Wohl des Landes, die Verteidigung der Ordnung und zur Verhinderung von strafbaren Handlungen, zum Schutz der Gesundheit und der Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer notwendig ist.

 

Unter Bedachtnahme auf alle Umstände des Einzelfalls ist eine gewichtende Abwägung des öffentlichen Interesses an einer Aufenthaltsbeendigung mit den gegenläufigen privaten und familiären Interessen des Fremden, insbesondere unter Berücksichtigung der in § 9 Abs. 2 BFA-VG genannten Kriterien und unter Einbeziehung der sich aus § 9 Abs. 3 BFA-VG ergebenden Wertungen, in Form einer Gesamtbetrachtung vorzunehmen (vgl. VwGH 20.10.2016, Ra 2016/21/0198; VwGH vom 25.01.2018 Ra 2017/21/0218).

 

Die Verhältnismäßigkeit einer Rückkehrentscheidung ist dann gegeben, wenn der Konventionsstaat bei seiner aufenthaltsbeendenden Maßnahme einen gerechten Ausgleich zwischen dem Interesse des Fremden auf Fortsetzung seines Privat- und Familienlebens einerseits und dem staatlichen Interesse auf Verteidigung der öffentlichen Ordnung andererseits, also dem Interesse des Einzelnen und jenem der Gemeinschaft als Ganzes gefunden hat. Dabei variiert der Ermessensspielraum des Staates je nach den Umständen des Einzelfalles und muss in einer nachvollziehbaren Verhältnismäßigkeitsprüfung in Form einer Interessenabwägung erfolgen.

 

3.3.2.3. Vom Prüfungsumfang des Begriffes des "Familienlebens" in Art. 8 EMRK ist nicht nur die Kernfamilie von Eltern und (minderjährigen) Kindern umfasst, sondern z.B. auch Beziehungen zwischen Geschwistern (EKMR vom 14.03.1980, B 8986/80; EuGRZ 1982,

311) und zwischen Eltern und erwachsenen Kindern (EKMR vom 06.10.1981, B 9202/80; EuGRZ 1983, 215; VfGH vom 12.03.2014, U 1904/2013). Dies allerdings nur unter der Voraussetzung, dass eine gewisse Beziehungsintensität vorliegt.

 

Nach der ständigen Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte ist das nach Art. 8 EMRK geschützte Familienleben nicht auf durch Heirat rechtlich formalisierte Beziehungen beschränkt, sondern erfasst auch andere faktische Familienbindungen, bei denen die Partner außerhalb des Ehestandes zusammenleben (vgl. EGMR vom 22.07.2010, P.B. und J.S. gegen Österreich, 18984/02 mit Verweis auf EGMR vom 26.05.1994, 16.969/90, Keegan v. Irland; VwGH vom 16.12.2010, 2007/01/0388). Dabei können Faktoren wie Dauer und gemeinsame Kinder unter Beweis stellen, dass die Beziehung hinreichend konstant ist (EGMR vom 22.4.1997, 21.830/93, X, Y und Z v UK). Schließlich ist denkbar, dass zwischen noch nicht zusammenlebenden Verlobten bereits ein Familienleben besteht (EKMR vom 01.10.1990, 15.817/89, Wakefield gg. Vereinigtes Königreich; EGMR vom 28.05.1985, 15/1983/71/107-109, Abdulaziz, Cabales und Balkandali gg. Vereinigtes Königreich).

 

Allerdings setzt Art. 8 EMRk das Bestehen einer Familie voraus und gelangt deshalb nur zur Anwendung, wenn im Zeitpunkt des Eingriffes ein reales Familienleben existiert (EGMR vom 12.07.2001, 25.702/94, K u T v. Finnland).

 

Der Beschwerdeführer verfügt im Bundesgebiet über keine familiären Anknüpfungspunkte. Soweit der Beschwerdeführer vorgebracht hat, dass er mit einer österreichischen Staatsangehörigen verlobt ist, ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zwar regelmäßig Kontakt mit seiner Verlobten hat, sie jedoch weder bisher einen gemeinsamen Haushalt geführt haben noch das Vorliegen eines gemeinsamen Haushaltes in absehbarer Zeit festgestellt werden konnte. Zudem war kein tatsächlicher Heiratswille oder die Planung einer gemeinsamen Zukunft erkennbar, sodass schon vor diesem Hintergrund eine einer familiären Bindung gleichkommende Nahebeziehung zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Verlobten nicht abzuleiten ist. Zudem ist dem Beschwerdeführer entgegenzuhalten, dass er die Beziehung trotz unsicheren Aufenthaltsstatus sowie seine Verlobung überhaupt erst zu einem Zeitpunkt eingegangen ist, als sein Asylverfahren in Österreich vom Bundesamt bereits negativ entschieden war. Es liegt auch kein wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis des Beschwerdeführers zu seiner Verlobten vor.

 

Ein schützenswertes Familienleben im Bundesgebiet im oben dargestellten Sinn liegt daher jedenfalls nicht vor. Die aufenthaltsbeendende Maßnahme könnte daher allenfalls lediglich in das Privatleben des Beschwerdeführers eingreifen.

 

3.3.2.3.1. Unter dem "Privatleben" sind nach der Rechtsprechung des EGMR persönliche, soziale und wirtschaftliche Beziehungen, die für das Privatleben eines jeden Menschen konstitutiv sind, zu verstehen (vgl. Sisojeva ua gg. Lettland, EuGRZ 2006, 554). Art. 8 EMRK schützt unter anderem sowohl die individuelle Selbstbestimmung und persönliche Identität, als auch die freie Gestaltung der Lebensführung. In diesem Zusammenhang kommt dem Grad der sozialen Integration des Betroffenen eine wichtige Bedeutung zu.

 

Bei der Beurteilung der Frage, ob der Beschwerdeführer in Österreich über ein schützenswertes Privatleben verfügt, spielt der verstrichene Zeitraum im Aufenthaltsstaat eine zentrale Rolle, wobei die bisherige Rechtsprechung keine Jahresgrenze festlegt, sondern eine Interessenabwägung im speziellen Einzelfall vornimmt (vgl. dazu Chvosta, Die Ausweisung von Asylwerbern und Art 8 MRK, ÖJZ 2007, 852 ff). Die zeitliche Komponente ist insofern wesentlich, als - abseits familiärer Umstände - eine von Art. 8 EMRK geschützte Integration erst nach einigen Jahren im Aufenthaltsstaat anzunehmen ist (vgl. Thym, EuGRZ 2006, 541). Der Verwaltungsgerichtshof geht in seinem Erkenntnis vom 26.06.2007, 2007/01/0479, davon aus, dass "der Aufenthalt im Bundesgebiet in der Dauer von drei Jahren [...] jedenfalls nicht so lange ist, dass daraus eine rechtlich relevante Bindung zum Aufenthaltsstaat abgeleitet werden könnte". Darüber hinaus hat der Verwaltungsgerichthof bereits mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass einer Aufenthaltsdauer von weniger als fünf Jahren für sich betrachtet noch keine maßgebliche Bedeutung für die durchzuführende Interessenabwägung zukommt (vgl. VwGH 30.07.2015, Ra 2014/22/0055, mwN).

 

Nach der bisherigen Rechtsprechung ist auch auf die Besonderheiten der aufenthaltsrechtlichen Stellung von Asylwerbern Bedacht zu nehmen, zumal das Gewicht einer aus dem langjährigen Aufenthalt in Österreich abzuleitenden Integration dann gemindert ist, wenn dieser Aufenthalt lediglich auf unberechtigte Asylanträge zurückzuführen ist (vgl. VwGH 17.12.2007, 2006/01/0216 mwN).

 

3.3.2.3.2. Im gegenständlichen Fall ist der Beschwerdeführer unter Umgehung der Grenzkontrollen und somit illegal in das österreichische Bundesgebiet eingereist. Der Beschwerdeführer hält sich seit seiner Antragstellung im Februar 2015, somit seit fast 3 1/2 Jahren, im Bundesgebiet auf. Der bisherige Aufenthalt des Beschwerdeführers in Österreich ist ausschließlich auf seinen Antrag auf internationalen Schutz gestützt, wodurch er nie über ein Aufenthaltsrecht abgesehen des bloß vorübergehenden Aufenthaltsrechts aufgrund seines Antrags auf internationalen Schutz, verfügt hat. Die Dauer des Verfahrens übersteigt mit fast 3 1/2 Jahren auch nicht das Maß dessen, was für ein rechtsstaatlich geordnetes, den verfassungsrechtlichen Vorgaben an Sachverhaltsermittlungen und Rechtschutz-möglichkeiten entsprechendes Asylverfahren angemessen ist. Es liegt somit jedenfalls kein Fall vor, in dem die öffentlichen Interessen an der Einhaltung der einreise- und fremdenrechtlichen Vorschriften sowie der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung angesichts der langen Verfahrensdauer oder der langjährigen Duldung des Aufenthaltes im Inland nicht mehr hinreichendes Gewicht haben, die Rückkehrentscheidung als "in einer demokratischen Gesellschaft notwendig" scheinen zu lassen (vgl. VfSlg 18.499/2008, 19.752/2013; EGMR 04.12.2012, Fall Butt, Appl. 47.017/09).

 

Der Beschwerdeführer hat Deutschkurse besucht und die Deutschprüfung für die Stufe A2 bestanden. Der Beschwerdeführer ist dreimal zur Deutschprüfung für die Stufe B1 angetreten, hat diese jedoch nicht bestanden. Er hat an einem Erste-Hilfe-Kurs sowie einem Werte- und Orientierungskurs des österreichischen Integrationsfonds teilgenommen.

 

Im Jahr 2016 und 2017 erbrachte er immer wieder Dolmetscher- und diverse Hausmeistertätigkeiten in seiner Unterkunft sowie Arbeiten für Gemeinden. Im Jahr 2018 begleitet der Beschwerdeführer bei Bedarf Personen ins Krankenhaus. Der Beschwerdeführer lebt jedoch von der Grundversorgung. Er hat eine Einstellungszusage eines Tischlerbetriebs vorgelegt, wobei jedoch nicht festgestellt werden konnte, dass diese Einstellungszusage noch aufrecht ist.

 

Insgesamt kann daher von einer zufriedenstellenden, jedoch nicht außergewöhnlichen Integration ausgegangen werden. Zudem sind Zweifel an seinem Interesse um sprachliche und berufliche Integration aufgekommen.

 

Darüber hinaus ist auch nach wie vor von einer engen Bindung des Beschwerdeführers nach Afghanistan auszugehen, zumal er dort den Großteil seines bisherigen Lebens - nämlich ca. 22 Jahre - verbracht hat. Er wurde in Afghanistan sozialisiert und bestritt dort seinen Lebensunterhalt. Er spricht eine Landessprache Afghanistans als Muttersprache. Hinzu kommt, dass er nach wie vor familiäre Anknüpfungspunkte (seine sechs Geschwister) in Afghanistan hat. Aufgrund der relativ kurzen Ortsabwesenheit von ca. 5 1/2 Jahren (Ausreise Ende des Jahres 2012) kann auch nicht gesagt werden, dass der Beschwerdeführer seinem Kulturkreis völlig entrückt wäre, sodass sich der Beschwerdeführer in Afghanistan problemlos wieder eingliedern wird können.

 

Darüber hinaus ist der Zeitraum des Aufenthalts des Beschwerdeführers mit fast 3 1/2 Jahren im Sinne der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes (vgl. VwGH 30.07.2015, Ra 2014/22/0055, mwH) und der oben getroffenen Ausführungen als relativ kurz zu werten.

 

Dass der Beschwerdeführer strafrechtlich unbescholten ist, vermag weder sein persönliches Interesse an einem Verbleib in Österreich zu verstärken noch das öffentliche Interesse an der aufenthaltsbeendenden Maßnahme entscheidend abzuschwächen (VwGH 25.02.2010, 2009/21/0070; 13.10.2011, 2009/22/0273; 19.04.2012, 2011/18/0253).

 

Das Interesse des Beschwerdeführers an der Aufrechterhaltung seiner privaten Kontakte ist dadurch geschwächt, dass er sich bei allen Integrationsschritten seines unsicheren Aufenthaltsstatus und damit auch der Vorläufigkeit der Integrationsschritte bewusst sein musste:

Der Beschwerdeführer durfte sich hier bisher nur aufgrund eines Antrages auf internationalen Schutz aufhalten, der zu keinem Zeitpunkt berechtigt war (VwGH 20.02.2004, 2003/18/0347; 26.02.2004, 2004/21/0027; 27.04.2004, 2000/18/0257; sowie EGMR 08.04.2008, Fall Nnyanzi, Appl. 21878/06, wonach ein vom Fremden in einem Zeitraum, in dem er sich bloß aufgrund eines Asylantrages im Aufnahmestaat aufhalten darf, begründetes Privatleben per se nicht geeignet ist, die Unverhältnismäßigkeit des Eingriffes zu begründen). Auch der Verfassungsgerichtshof misst in ständiger Rechtsprechung dem Umstand im Rahmen der Interessenabwägung nach Art. 8 Abs. 2 EMRK wesentliche Bedeutung bei, ob die Aufenthaltsverfestigung des Asylwerbers überwiegend auf vorläufiger Basis erfolgte, weil der Asylwerber über keine, über den Status eines Asylwerbers hinausgehende Aufenthaltsberechtigung verfügt hat. In diesem Fall muss sich der Asylwerber bei allen Integrationsschritten im Aufenthaltsstaat seines unsicheren Aufenthaltsstatus und damit auch der Vorläufigkeit seiner Integrationsschritte bewusst sein (VfSlg 18.224/2007, 18.382/2008, 19.086/2010, 19.752/2013).

 

3.3.2.3.3. Den schwach ausgeprägten privaten Interessen des Beschwerdeführers an einem weiteren Aufenthalt in Österreich stehen die öffentlichen Interessen an einem geordneten Fremdenwesen gegenüber. Nach ständiger Judikatur des VwGH kommt den Normen, die die Einreise und den Aufenthalt von Fremden regeln, aus der Sicht des Schutzes und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung (Art. 8 Abs. 2 EMRK) ein hoher Stellenwert zu (VwGH 16.01.2001, 2000/18/0251).

 

Die öffentlichen Interessen an der Aufenthaltsbeendigung, die sich insbesondere im Interesse an der Einhaltung fremdenrechtlicher Vorschriften sowie darin manifestieren, dass das Asylrecht (und die mit der Einbringung eines Asylantrags verbundene vorläufige Aufenthaltsberechtigung) nicht zur Umgehung der allgemeinen Regelungen eines geordneten Zuwanderungswesens dienen darf, wiegen im vorliegenden Fall schwerer als die Interessen des Beschwerdeführers am Verbleib in Österreich.

 

Nach Maßgabe einer Interessenabwägung im Sinne des § 9 BFA-VG ist davon auszugehen, dass das öffentliche Interesse an der Beendigung des unrechtmäßigen Aufenthaltes des Beschwerdeführers im Bundesgebiet das persönliche Interesse des Beschwerdeführers am Verbleib im Bundesgebiet überwiegt und daher durch die angeordnete Rückkehrentscheidung eine Verletzung des Art. 8 EMRK nicht vorliegt. Auch sonst sind keine Anhaltspunkte hervorgekommen, die im gegenständlichen Fall eine Rückkehrentscheidung auf Dauer unzulässig machen würden.

 

3.3.2.3.4. Die Erlassung einer Rückkehrentscheidung gemäß § 52 FPG stellt sohin keine Verletzung des Beschwerdeführers in seinem Recht auf Privat- und Familienleben gemäß § 9 Abs. 2 BFA-VG iVm Art. 8 EMRK dar.

 

3.3.2.4. Die Erteilung eines Aufenthaltstitels gemäß § 55 Abs. 1 AsylG ist ebenfalls nicht geboten.

 

3.3.2.5. Die Voraussetzungen des § 10 AsylG liegen vor. Da der Antrag des Beschwerdeführers auf internationalen Schutz abgewiesen wurde, ist die Rückkehrentscheidung gemäß § 10 Abs. 1 Z 3 AsylG zu erlassen. Es ist auch - wie bereits ausgeführt - kein Aufenthaltstitel nach § 57 AsylG von Amts wegen zu erteilen.

 

§ 52 Abs. 2 Z 2 FPG setzt weiters voraus, dass dem Beschwerdeführer kein Aufenthaltsrecht nach anderen Bundesgesetzen zukommt. Der Beschwerdeführer hat weder behauptet über ein Aufenthaltsrecht außerhalb des Asylverfahrens zu verfügen noch ist ein solches im Ermittlungsverfahren hervorgekommen.

 

3.3.2.6. Die Erlassung der Rückkehrentscheidung war daher im vorliegenden Fall geboten und ist auch nicht unverhältnismäßig.

 

3.3.3. Zulässigkeit der Abschiebung

 

3.3.3.1. Mit der Erlassung der Rückkehrentscheidung ist gemäß § 52 Abs. 9 FPG gleichzeitig festzustellen, ob die Abschiebung des Drittstaatsangehörigen gemäß § 46 FPG in einen oder mehrere bestimmte Staaten zulässig ist. Dies gilt nicht wenn die Feststellung des Drittstaates, in den der Drittstaatsangehörige abgeschoben werden soll, aus vom Drittstaatsangehörigen zu vertretenden Gründen nicht möglich ist.

 

3.3.3.2. Die Abschiebung in einen Staat ist gemäß § 50 Abs. 1 FPG unzulässig, wenn dadurch Art. 2 oder 3 EMRK oder das 6. bzw. 13. ZPEMRK verletzt würden oder für den Betroffenen als Zivilperson eine ernsthafte Bedrohung des Lebens oder der Unversehrtheit infolge willkürlicher Gewalt im Rahmen eines internationalen oder innerstaatlichen Konfliktes verbunden wäre. Das entspricht dem Tatbestand des § 8 Abs. 1 AsylG. Das Vorliegen eines entsprechenden Sachverhaltes wird mit der gegenständlichen Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts verneint (siehe Punkt II.3.2.).

 

3.3.3.3. Die Abschiebung in einen Staat ist gemäß § 50 Abs. 2 FPG auch unzulässig, wenn stichhaltige Gründe für die Annahme bestehen, dass dort das Leben des Betroffenen oder seine Freiheit aus Gründen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder persönlichen Ansichten bedroht wäre, es sei denn, es bestehe eine innerstaatliche Fluchtalternative. Das entspricht dem Tatbestand des § 3 AsylG. Das Vorliegen eines dementsprechenden Sachverhaltes wird mit der gegenständlichen Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts verneint (siehe Punkt II.3.1.).

 

3.3.3.4. Die Abschiebung ist nach § 50 Abs. 3 FPG unzulässig, solange ihr die Empfehlung einer vorläufigen Maßnahme durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte entgegensteht. Eine derartige Empfehlung besteht für Afghanistan nicht.

 

3.3.3.5. Die Abschiebung des Beschwerdeführers nach Afghanistan ist daher zulässig. Die Beschwerde war daher auch hinsichtlich Spruchpunkt III. als unbegründet abzuweisen.

 

3.4. Spruchpunkt IV. des angefochtenen Bescheides - Ausreisefrist

 

Gemäß § 55 Abs. 1 FPG wird mit einer Rückkehrentscheidung gemäß § 52 zugleich eine Frist für die freiwillige Ausreise festgelegt. Die Frist für die freiwillige Ausreise beträgt nach § 55 Abs. 2 FPG 14 Tage ab Rechtskraft des Bescheides, sofern nicht im Rahmen einer vom Bundesamt vorzunehmenden Abwägung festgestellt wurde, dass besondere Umstände, die der Drittstaatsangehörige bei der Regelung seiner persönlichen Verhältnisse zu berücksichtigen hat, die Gründe, die zur Erlassung der Rückkehrentscheidung geführt haben, überwiegen. Gemäß § 55 Abs. 3 FPG kann die Frist bei Überwiegen besonderer Umstände für die freiwillige Ausreise einmalig mit einem längeren Zeitraum als die vorgesehenen 14 Tage festgesetzt werden. Die besonderen Umstände sind vom Drittstaatsangehörigen nachzuweisen und hat er zugleich einen Termin für seine Ausreise bekanntzugeben.

 

Derartige besondere Umstände sind im Beschwerdeverfahren nicht vorgebracht worden, weshalb die vom Bundesamt gesetzte Frist für die freiwillige Ausreise den gesetzlichen Bestimmungen entspricht.

 

Die Beschwerde war daher auch hinsichtlich Spruchpunkt IV. als unbegründet abzuweisen.

 

Zu B) Unzulässigkeit der Revision:

 

Gemäß § 25a Abs. 1 VwGG hat das Verwaltungsgericht im Spruch seines Erkenntnisses oder Beschlusses auszusprechen, ob die Revision gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG zulässig ist. Der Ausspruch ist kurz zu begründen.

 

Die Revision ist gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig, weil die Entscheidung nicht von der Lösung einer Rechtsfrage abhängt, der grundsätzliche Bedeutung zukommt. Weder weicht die gegenständliche Entscheidung von der bisherigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ab, noch fehlt es an einer Rechtsprechung; weiters ist die vorliegende Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes auch nicht als uneinheitlich zu beurteilen. Auch liegen keine sonstigen Hinweise auf eine grundsätzliche Bedeutung der zu lösenden Rechtsfrage vor, zumal der vorliegende Fall vor allem im Bereich der Tatsachenfragen anzusiedeln ist. Die maßgebliche Rechtsprechung wurde bei den Erwägungen zu den einzelnen Spruchpunkten zu Spruchteil A wiedergegeben. Insoweit die in der rechtlichen Beurteilung angeführte Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes zu früheren Rechtslagen ergangen ist, ist diese nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts auf die inhaltlich meist völlig gleichlautenden Bestimmungen der nunmehr geltenden Rechtslage unverändert übertragbar.

European Case Law Identifier

ECLI:AT:BVWG:2018:W251.2143939.1.00